Sie ist aus Bronze und nur so groß wie ein Zwei-Euro-Münze. Damit ist diese Medaille die kleinste im Schrank von Petra Schultz – aber sie zu erreichen, war mit den bisher größten Anstrengungen im Leben der leidenschaftlichen Läuferin verbunden.

Wolmirstedt. Es war an einem Sonntag Ende Mai. Während sich die meisten Menschen um 5. 30 Uhr nachts noch in ihren tiefsten Träumen befanden, erfüllte sich für Petra Schultz ein Traum. Sie stand auf einer Straße in Südafrika und wartete auf einen Schuss. Und zwar den Startschuss zum bisher härtesten Lauf im Leben der 54-jährigen Wolmirstedterin.

Wer Petra Schultz kennt, weiß, dass sie schon unzählige Läufe absolviert hat, dabei die Marathonstrecken noch längst nicht die weitesten Distanzen sind, die sie regelmäßig absolviert. Eine neue Herausforderung musste her – und wurde im " Comrades " Lauf gefunden. Dabei handelt es sich um einen traditionellen Ultra-Lauf in Südafrika. Startpunkt ist Pietermaritzburg, Ziel das 90 Kilometer entfernte Stadion in Durban.

" Den Lauf gibt es seit 1924, in diesem Jahr war es der 84 ., nur im Zweiten Weltkrieg hat man ihn mal ausfallen lassen ", berichtet Petra Schultz. Für sie war der " Comrades ", wie ihn die Läufer nennen, das ultimative Ziel. Über einen speziellen Sportreisenanbieter buchte sie das Komplettpaket und landete direkt am Männertag in Südafrika. Mit dabei ihr Laufpartner Heiko Björn aus Magdeburg sowie 18 andere Läufer aus Süddeutschland. " Unter den 13 000 Startern in diesem Jahr waren 600 Ausländer, unsere Gruppe war die einzige aus Deutschland. "

Trainiert hat Petra Schultz direkt in Südafrika dann nicht mehr. In der Nacht vor dem Lauf war auch an Schlaf kaum zu denken. Um ein Uhr klingelte der Wecker, eine Stunde später gab es im Hotel – das voller Läufer war – noch ein gemeinsames Frühstück, bevor der Bus die Reisegruppe zum Startpunkt brachte. Aufgrund der unglaublich hohen Teilnehmerzahl wurden die Starter in Blöcke eingeteilt.

" Ich war im Block ‚ D ‘, also relativ weit vorn. Man musste vor dem Start angeben, wie lange man bei einem anderen Ultra gebraucht hat und wird nach dieser Geschwindigkeit dann eingeteilt. " Die Profläufer, die den " Comrades " jährlich mitmachen und sich durch das Preisgeld finanzieren, starteten natürlich ganz vorn.

Die Randbedingungen waren dagegen für alle gleich – absolute Dunkelheit beim Start, nur die Straßenlaternen ließen erahnen, wo es langging. " Das war der brutalste Lauf meines Lebens, es ging 90 Kilometer lang ständig bergauf und bergab und immer nur auf Straßen oder Autobahnen, also nur auf Asphalt ", erinnert sich Petra Schultz. Landschaftlich reizvoll sei die Strecke absolut nicht gewesen, da in Südafrika auch gerade Herbst sei.

" Aber die Zuschauer am Streckenrand, das war ein Erlebnis mit Gänsehautfaktor. " Nach den ersten zehn Kilometern hatten sich schon Südafrikaner am Streckenrand versammelt und jubelten den Läufern zu. Für die Einheimischen ist der " Comrades " das Fest des Jahres. " Da wird sogar gegrillt – aber von dem Geruch ist mir nur schlecht geworden, weil ich die ganzen 90 Kilometer nichts gegessen habe ", erzählt die Wolmirstedterin.

" Ein Zwilling hatte sich vor dem Ziel im Toilettenhäuschen versteckt "

Alle anderthalb Kilometer hätte ein Versorgungspunkt für die Läufer gestanden. Dort gab es dann Wasser – " das war aber seltsam gechlort und in Plastiktüten eingeschweißt " – Energydrinks, kleine Bananen, Schokoriegel, Kuchen und Salz. Letzteres nahmen viele Läufer pur zu sich, oder sie aßen stattdessen gesalzene Kartoffeln mit Schale. Nur in den Trinkpausen und mal für ein Foto sind Petra Schultz und Heiko Björn stehengeblieben, Toilettenpausen brauchten beide nicht. Bei 24 Grad Durchschnittstemperatur wird eben viel Flüssigkeit ausgeschwitzt.

Über die ganze Streckenlänge lief das Duo gemeinsam. Auch, als bei Kilometer 50 der erste tote Punkt erreicht war. " Ab Kilometer 80 haben wir es dann auch in den Muskeln gemerkt, ab Kilometer 85 sind wir nur noch gegangen. Als es allerdings zum Zieleinlauf ins Stadion ging, wo wieder tausende Zuschauer waren, hat uns das noch mal gepuscht und wir sind wieder gelaufen und haben gewinkt. "

Nach zehn Stunden und 16 Minuten war es soweit – und Petra Schultz als 4818. im Ziel. Eigentlich waren neun Stunden und 45 Minuten die Wunschzeit der Läuferin. " Aber man muss das akzeptieren, die Beine waren irgendwann fest. " Im Ziel angekommen war die Euphorie zwar groß, die Sehnsucht nach einem warmen Kaffee und einer Dusche aber größer. Erst abends im Hotel hat die Gruppe gefeiert, dass sie es alle ins Ziel geschafft haben.

Denn das sei beim " Comrades " -Lauf durchaus nicht selbstverständlich. Nach exakt zwölf Stunden wird der Zieleinlauf geschlossen, wer es bis dahin nicht schafft, hat Pech gehabt. Der letzte Läufer in der erfassten Liste erreichte dann auch denkbar knappe 11 : 59 : 59 Stunden. Der schnellste Läufer – ein Mann aus Simbabwe – überschritt dagegen schon nach 5 : 23 : 26 Stunden die Ziellinie.

Bei den Frauen holte eine Russin den Sieg, ihre Zwillingsschwester kam auf den zweiten Platz. Ging denn da alles mit rechten Dingen zu ? " Ja ", erklärt Petra Schultz lachend. " Die sind wirklich beide die ganze Strecke gelaufen. Es gab aber mal einen Betrugsversuch von eineiigen männlichen Zwillingen. Der eine hatte sich kurz vor dem Ziel im Toilettenhäuschen versteckt. Der Schwindel kam nur ans Licht, weil der Zieleinläufer die Uhr an einem anderen Handgelenk trug als der Bruder. Beide wurden disqualifiziert ", erzählt sie eine Anekdote weiter, die sich unter den Läufern herumgesprochen hat.

Ob sie kommendes Jahr nochmal den " Comrades " laufen wird, weiß Petra Schultz noch nicht. Normalerweise gilt die Regel : Pro zwei bei einem Ultra gelaufenen Kilometern sollte man sich einen Tag Laufpause gönnen. Das wären 45 Tage Ruhe – viel zu viel für Petra Schultz. Denn schon am kommenden Sonntag wird sie wieder laufen, hat eigens zur 1000-Jahr-Feier einen Volkslauf in ihrer Wolmirstedter Heimat organisiert. Der geht allerdings nur von 1, 5 bis maximal 5, 4 Kilometer.