Es glich fast einem Wunder, dass Wladimir Kaminer am Mittwochabend in der Museumsscheune zu seiner Lesung erschienen war. Hatte er doch kürzlich zusammen mit der Klasse seiner Tochter Nicole einen Berliner Klettergarten besucht und dort – als Starautor in schwindelnder Höhe an einem Karabiner hängen gelassen – Todesängste ausstehen müssen. Von solchen und ähnlichen Erlebnissen plauderte und las Kaminer gut anderthalb Stunden lang in der voll besetzten Scheune.

Wolmirstedt. Nur 14 Grad zeigt das Thermometer in der Museumsscheune. Einige Gäste der Lesung haben sich warme Decken mitgebracht. Kein Problem sind die kühlen Temperaturen dagegen für den Mann auf der Bühne – Wladimir Kaminer. Schließlich hat der Autor Verwandte im Kaukasus, die nicht nur durch ihre Gesichtsbehaarung auf Fotos so aussehen, als wären es Eiszeitmenschen, sondern sich mit Kälte auskennen.

Kaminer selbst wirkt wie ein jung gebliebener Studienrat, wenn er – wie am Mittwoch – mit federndem Gang die Bühne betritt. In der einen Hand Bücher und Manuskripte, in der anderen die braune Ledertasche mit silbernem Schnappverschluss. Die schwarze Hose, das braune Poloshirt und der Blazer wirken seriös. Den Schalk, der ihm im Nacken sitzt und aus den Augen unter den buschigen Brauen hervorblitzt, den kann er trotzdem kaum verbergen.

Kaminer liest im Stehen, ignoriert den fast thronartigen Stuhl und den Tisch auf der Bühne, braucht nur selten einen Schluck Wasser. Wer dem bald 42-jährigen Russen zuhört, der ahnt, woher er die Inspirationen für bisher 13 Bücher und zig weitere Veröffentlichen nimmt. Es sind unter anderem die zwei Kinder – Nicole und Sebastian – die immer wieder Stoff für Kurzgeschichten liefern. Ob er nun mit dem zehnjährigen Sohnemann erst für über 18-J ährige freigegebene Filme anschauen will, in die er sich allein aus Schamgründen nicht trauen würde oder vor der Clique der leider noch f achbrüstigen, pubertierenden Tochter als cooler Vater dastehen möchte – es sind die eigentlich banalen Alltäglichkeiten, die durch Kaminer pointiert oder im kulturellen Gegensatz zwischen Russland und Deutschland betrachtet zu Geschichten werden, die ein riesiges Publikum erheitern.

Kaminer kennt seinen Wert – und nach 13 Büchern auch den literarischen Geschmack seiner Fans. Auf der Lesung in Wolmirstedt gibt er nicht nur schon erschienene Geschichten zum Besten, sondern testet auch solche, die er gerade für das im August erscheinende 14. Buch verfasst hat. Immer wieder ist seine Schwiegermutter Thema. Kein Wunder, kommt diese doch " alle drei Monate für drei Monate " aus dem Kaukasus zu Besuch in die Wohnung des Autoren am Berliner Mauerpark. Von seinem Balkon aus genießt Kaminer täglich freien Blick auf Hundertschaften von Touristen, die vom Mauerpark im Reiseführer gelesen haben und denken, dort etwas dem Namen Ehre machendes vorzufnden. Dabei gibt es weder eine Mauer, noch Bäume. Die letzten, Überreste aus dem Sozialismus, wurden kurzerhand gefällt. " Wir haben nur noch jede Menge kackende Hunde, die den Park für seine künftige Bepf anzung vorbereiten ", erzählt Kaminer einen Schwank aus seinem Alltag. Den gibt er so frei von der Leber weg wieder, das man fast vergisst, dass die Veranstaltung als Lesung angekündigt wurde und stattdessen denkt, dem Auftritt eines Komikers beizuwohnen. Und zwar eines Komikers mit kreativen Ideen, denkt doch Kaminer darüber nach, in seiner Nachbarschaft mit Phosphor versetztes Hundefutter zu verteilen. " Wenn die Kackhaufen dann leuchten, sieht es bei uns aus wie in Las Vegas. "

Anlagetipps in der Krise

In Zeiten der Finanzkrise will Kaminer die Gäste seiner Lesung natürlich nicht gehen lassen, ohne ihnen Anlagetipps zu geben. Die hat er von seinem Sparkassenberater, was er freimütig zugibt, obwohl die Lesung doch von der hiesigen Volksbank gesponsert wurde. So solle man darauf verzichten, sich ein Schließfach bei der Bank zu nehmen und es mit goldenen Schokomünzen und einer beschwerenden Stahlplatte zu füllen, um vorzutäuschen, darin läge echtes Gold. Schließlich habe man nichts von dem dummen Gesicht, das die Nachlassempfänger bei der Schließfach-Ö ffnung machen, man sei ja dann schon tot.

Das Publikum lacht, johlt, schlägt sich auf die Schenkel – und zwar nicht nur an den Stellen, an denen der Autor die Lacher fast erwartet. Nach fast anderthalb Stunden verbeugt er sich artig in alle Richtungen. " Ich war das erste Mal hier in Ihrer Stadt, obwohl sie schon 1000 Jahre existiert. Ich hoffe, bis zur nächsten Lesung dauert es nicht so lange. " Bis dahin bleiben den begeisterten Gästen die Bücher, die sie sich in Massen signieren lassen. Und Kaminer kann auf der Heimfahrt nach Berlin dem Hörbuch zur 1000-Jahr-Feier lauschen, das ihm Bibliotheksleiterin Bastienne Schröter – statt Blumen – als kleines Dankeschön in die Hände drückt.