Seit März hat die Volksstimme die Wolmirstedter quer durch die 1000-jährige Ohrestadt auf Rätseltour geschickt. Zahlreiche Leser haben sich erfolgreich auf die Suche nach den stadtbildprägenden, zumeist denkmalgeschützten Gebäuden gemacht. Vielleicht ist dabei einigen von ihnen aufgefallen, dass der kleine Fensteranbau an der Abtei, um den es in der 10. und letzten Folge des Bilderrätsels ging, nicht zu recht zum Gebäude passt.

Wolmirstedt. Die Volksstimme jedenfalls konnte sich keinen Reim zur Funktion machen und fragte bei Erhard Jahn, Kreisdenkmalpf eger, nach. " Das ist ja toll, dass dies tatsächlich mal jemanden aufgefallen ist, dass hier was nicht ganz stimmig ist ", freute sich der Bauexperte. Eigentlich wollte er das kleine Geheimnis ja erst in seinem neuen Buch " 1000 Jahre Wolmirstedt " lüften. Da die Herausgabe des Sachbuches zur Baugeschichte aber erst im nächsten Jahr geplant ist, gab er angesichts des bevorstehenden Stadtjubiläums bereitwillig Auskunft.

" Wenn man das 1732 errichtete Gebäude von der Westseite aufmerksam betrachtet, kann man in der symmetrisch angeordneten Fensterfront erkennen, dass es ursprünglich eine glatte Fassade war. Der kleine Fenstererker wurde wahrscheinlich um 1900 nachträglich angebaut. " Jahn hat sich lange gefragt, wozu diese nur etwa 1, 5 Quadratmeter genutzt wurden und ging der Sache schließlich auf seine ganz spezielle Art und Weise auf den Grund. " Alte Häuser sprechen mit mir und ich mit ihnen. Manchmal sind sie nicht sehr bereitwillig. Da muss man sich die Mühe machen, vom Dachstuhl bis in den Keller auf Entdeckungstour zu gehen, Baumaterial analysieren oder mal an einer Fuge kratzen. Im Fall der alten Abtei stand für mich ziemlich schnell fest, dass der Anbau praktisch ein Plumpsklo war. " Der Kreisdenkmalpfeger hatte sich vor einiger Zeit mal ganz allgemein mit der " Architektur der Notdurft " beschäftigt und dazu mehrfach Vorträge gehalten, an die sich sicher noch mancher Besucher mit einem Schmunzeln erinnert. Und so weiß er auch, dass der Toilettenerker an der Abtei für Wolmirstedt einzigartig ist, etwas ähnliches gibt es im weiten Umfeld nur noch am Torhaus in Haldensleben. Berühmte Vorbilder fnden man auch in Schlössern und Burgen. " Immer ging es um Bequemlichkeit, aber auch um Hygiene ", so Jahn. Natürlich sei dies damals auch eine Frage des Geldes gewesen. In der Wolmirstedter Abtei haben die Pächter der Stiftsdomäne, zu der große Ländereien gehörten, gewohnt. Der landwirtschaftliche Betrieb war ertragreich. Die Pächter verdienten gut und hatten dadurch auch das notwendige Geld für Modernisierungen am Wohnhaus. So entstand beispielsweise nachträglich zur Gartenseite eine Veranda mit sehr repräsentativen Aufgang und eben die " moderne " Toilette im Hochparterre. Die besseren Leute gingen damals auf den sogenannten Leibstuhl mit Eimer darunter, der in der Stube stand. " Man kann sich vorstellen, dass dies zu Geruchsbelästigungen führte. Und so war das separate Plumpsklo mit Fallrohr sicher ein Fortschritt und Verbesserung der Wohnsituation. Die Entsorgung erfolgte vermutlich in eine Grube oder Holzkiste, die einfach in den Garten entleert wurde. " Später sei dann eine keramische Toilette in den Erker eingebaut worden, so Jahn.

Spätestens mit dem Umbau des bedeutsamen städtischen Baudenkmals am Kirchplatz zu einer Berufsschule geriet diese Kuriosität in Vergessenheit. Heute ist die Schönheit des schlossartigen Spätbarockbaus mit den hohen Mansardendächern nur noch zu erahnen. Das seit einigen Jahren leerstehende Haus zerfällt. Pläne, das Haus für betreutes Wohnen oder als Pfegeheim zu nutzen, konnten bislang noch nicht verwirklicht werden. Das Baudenkmal gehört dem Kreis.