Sein 20-jähriges Bestehen feierte am Sonnabend das Niederndodeleber Mauritiushaus. Die ökumenische Bildungsstätte war kurz vor dem Ende der DDR als Denk-Werkstatt für konkretes Handeln vor Ort gegründet worden. Der spätere Außenminister der DDR, Markus Meckel, war damals Leiter des Mauritiushauses gewesen. Und er kam natürlich zum Jubiläum.

Niederndodeleben. Das Niederndodeleber Mauritiushaus darf zu Recht als ein Markstein der Geschichte der Wende in der DDR bezeichnet werden. Von hier aus wurde am 26. August 1989 der Aufruf zur Gründung der Ost-SPD ( damals SDP ) öffentlich gemacht, hier fand die erste Klausurtagung des Vorstandes der neu gegründeten sozialdemokratischen Partei in der Wendezeit statt. Markus Meckel, später erster SPD-Außenminister der DDR, war damals Leiter des Mauritiushauses gewesen.

Das heutige Bundestagsmitglied ließ sich einen Besuch zum 20-jährigen Bestehen am Sonnabend natürlich nicht nehmen. Viele Weggefährten von einst begrüßte Meckel per Handschlag. Und er fand Zeit für eine kleine Erinnerungsviertelstunde über die Anfänge der Wende in Niederndodeleben.

Offene Augen für eine klare Vergangenheit

Offenen Blicks und die Ereignisse von damals fest in der Erinnerung beschrieb Meckel die Hintergründe, die einst zur Gründung des Mauritiushauses geführt hatten : " 1983 hatte der ökumenische Rat der Kirchen auf seiner Vollversammlung im kanadischen Vancouver die christlichen Kirchen in aller Welt aufgefordert, sich den zivilisatorischen Herausforderungen zu stellen. Für die Kirchen in der DDR hatte das Signalwirkung. Bis dahin war in der Kirche heftig umstritten, inwieweit sie sich in die gesellschaftspolitischen Diskussionen einbringen sollte. Für uns, die so genannten Oppositionellen, war das eigentlich immer klar, aber mit Vancouver bekamen wir offizielle Rückendeckung. Die Gründung des Mauritiushauses war eine Konsequenz davon ", sagte der Bundestagsabgeordnete und stellvertretende außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.

Vancouver stärkte den Diskursort Kirche

Die Kirche als Ort des gesellschaftlichen Diskurses wurde gestärkt. Und das hatte bekanntermaßen erhebliche Konsequenzen für die Entwicklung in der DDR. " Vancouver machte uns vieles leichter. Themen wie Ökologie, die Ausländerproblematik, die auch schon zu DDR-Zeiten im Umgang mit Afrikanern bestand, und natürlich Menschenrechtsfragen standen nun in der Kirche verstärkt zur Diskussion, und das Mauritiushaus war eine Denk-Werkstatt dafür. Ich habe das immer ‚ ökumenische Heimatkunde ‘ genannt ", berichtete Meckel.

Das Mauritiushaus mit seinen Veranstaltungen und seinem Ruf wurde in der Hochphase der Wende Anlaufpunkt für Oppositionelle. Hier fanden Menschen wie der spätere Magdeburger Oberbürgermeister Willi Polte und der spätere Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reinhard Höppner, Ansprechpartner und stellten in Niederndodeleben ihren Mitgliedsantrag für die Ost-SPD. Meckel selbst kam im Mai 1988 aus Mecklenburg nach Niederndodeleben. Bis Ende 1989 leitete er das Mauritiushaus. Dann riefen ihn andere, aktuellpolitische Herausforderungen der Wende nach Ost-Berlin. Innerlich verbunden ist er dem Bördedorf bis heute.

An diese geschichtsträchtigen Anfänge und an die heutige Bedeutung des Mauritiushauses erinnerten am Sonnabend viele damalige, zwischenzeitliche und heutige Akteure der Bildungsstätte. Bischof Axel Noack leitete den Festgottesdienst zum Jubiläum. Der Wolmistedter Gospelchor sang Weltmusik.

Seinen Charakter als Denkwerkstatt hat das Mauritiushaus bis heute nicht verloren. Ob Suaheli oder Freiwilliges Soziales Jahr, Tansania oder Fairer Handel – Angebote zum konkreten lokalen Handeln in einer globalisierten Welt haben gerade in Zeiten des versagenden Finanzkapitalismus ‘ mehr Bedeutung denn je. Nach wie vor heißt das Mauritiushaus Gäste aus aller Welt willkommen, ermöglicht Begegnungen mit fremden Kulturen, bietet alternative Konzepte zum ökumenischen, ökonomischen und sozialem Lernen an.

Was angesichts des sonnabendlichen Jubiläums dauerhaft bleibt, ist eine bedeutende Fußnote der deutschen Geschichte aus der Börde, an die zu erinnern sich lohnt.