Sie sind bei fast allen Festen im Bodelschwingh-Haus anwesend. Doch die Politiker Thomas Webel, Holger Stahlknecht und Manfred Behrens wollten auch mal in Ruhe einen Blick in die Einrichtung für behinderte Menschen werfen. Deshalb besuchten sie in dieser Woche das Tageszentrum und diskutierten mit dem Vorstand über die Zukunft des Hauses.

Wolmirstedt. Sie haben keinerlei Berührungsängste. Bei ihrem Rundgang durch das Tageszentrum des Bodelschwingh- Hauses suchen Landrat Thomas Webel, Bundestagsabgeordneter Manfred Behrens und Landtagsabgeordneter Holger Stahlknecht den Kontakt mit den Schwerstbehinderten. Interessiert schauen die Politiker zu, wie die Männer und Frauen Arbeit in kleinsten Schritten verrichten, Filmdosen nach Farben sortieren oder in der Kreativwerkstatt ausgesägte Holzformen bemalen.

16 Jahre schon besteht das Tageszentrum des Bodelschwingh-Hauses. Die Einrichtung war die erste im Land Sachsen-Anhalt, die das Zwei-Milieu-Prinzip durchsetzte. Das bedeutet, dass Schwerstbehinderte, die nicht in der Lage sind, in einer Werkstatt zu arbeiten, dennoch nicht die ganze Zeit in ihren betreuten Wohngruppen bleiben. Sie sollen integriert werden, haben ein Anrecht auf Arbeit. Das besagt auch eine UN-Konvention aus dem Jahr 2006. In Wolmirstedt wird diese Konvention mit Leben erfüllt. Neben der Seniorengruppe arbeiten im Tageszentrum 85 Männer und Frauen in Achtergruppen unter der Aufsicht von jeweils zwei Betreuern.

Um acht Uhr ist Dienstbeginn, 16 Uhr ist Feierabend; es gibt Pausen, Urlaubs- und Krankentage. Gearbeitet wird bis zum Rentenalter. Alles so wie im normalen Berufsleben, in dem die Behinderten niemals eine Chance auf Anstellung hätten. Wer im Tageszentrum gute Arbeit leistet, erhält die Chance, in der Werkstatt eine Stelle zu bekommen. Auch umgekehrt greift das System.

"Diese feste Tagesstruktur – dass sie den Wohnbereich verlassen, zur Arbeit gehen und nach Feierabend zurück in ihr Zuhause – das müssen unsere Bewohner erst lernen. Aber sie machen im Laufe der Jahre erstaunliche Entwicklungen durch", erklärt Regina Granse, die Leiterin des Tageszentrums. Am Beispiel von drei Schwerst-Mehrfachbehinderten beschreibt sie den Gästen, welche positiven Auswirkungen das Angebot einer Arbeitsstelle auf die persönliche Entwicklung der Bewohner hat.

Das Zwei-Milieu-Prinzip machte Schule, wird im Land auch noch bei der Borghardtstiftung Stendal umgesetzt. "Unser ehemaliger Vorstand Arvid Schaub hat die Einführung dort mit begleitet und die Erfahrungen aus unserer Einrichtung weitergegeben", erinnert Vorstand Christian Geyer.

Er erläutert den Gästen, welche Zukunftsaussichten und Probleme das Tageszentrum hat. Der landläufigen demografischen Entwicklung trage man mit der Seniorengruppe Rechnung. Möglich, dass künftig noch weitere dieser Gruppen geschaffen werden müssten, haben doch auch behinderte Menschen heute eine größere Lebenserwartung als früher.

Im Tageszentrum werden auch nicht nur Bewohner aus dem Bodelschwingh-Haus aufgenommen. "Mittlerweile haben wir auch viele Mitarbeiter, die von außerhalb kommen und nach der Arbeit wieder zu ihren Familien gehen", berichtet der Vorstand.

Im Gespräch mit dem Landrat und den Abgeordneten spricht Christian Geyer auch ein aktuelles Problem an. "Seit Dezember vergangenen Jahres sind wir – ohne dass wir wissen, warum – auf der Negativliste der Sozialagentur vermerkt, die an die Spitzenverbände verschickt wird. Das zieht als Konsequenz meist Pflegesatzverhandlungen nach sich. Doch bisher ist nichts passiert", so Geyer. "Allerdings wurde auch bisher nicht die für Januar dieses Jahres angekündigte Erhöhung ausgeschüttet. Wir befinden uns also in einem unschönen Schwebezustand. Es ist klar, dass das Zwei-Milieu-Prinzip politisch gewollt ist, aber der Kostenträger interveniert."

Die Besucher versichern dem Bodelschwingh-Haus ihre Unterstützung. "Ich begrüße es sehr, dass die behinderten Menschen durch das Tageszentrum das normale Leben nachvollziehen. Hier können sie sich entwickeln, verbleiben sie dagegen den ganzen Tag im Wohnbereich, ist das ein Schritt zurück", bestärkt Thomas Webel den Vorstand und die Mitarbeiter, sich weiter für diejenigen einzusetzen, die keine Lobby haben und sich nicht selbst helfen können.