Zu den Sammlungen des Museums gehören 26 Poesiealben aus verschiedenen Jahrhunderten. Sie waren 2011 Gegenstand einer Sonderausstellung, die einen großen Interessentenkreis ansprach. Besonders interessant ist der Aspekt, dass Zerbst auch bei der Entwicklung dieser Poesiealben oder Stammbücher frühzeitig genannt werden kann.

Zerbst l Die Ursprünge dieser kleinen Büchlein, mit denen Generationen bis in die heutige Zeit in Berührung kommen, liegen zum einen in den Gästebüchern, die Adlige anlegten und die die Inschriften ihrer Gäste kunstvoll mit deren Wappen versehen ließen, zum anderen in den Wittenberger Gelehrtenstammbüchern.

Die Ideen der Reformation fallen im 16. Jahrhundert auf fruchtbaren Boden. Es ist eine Zeit des politischen und kulturellen Umbruchs. Politisch, weil die Zentralgewalt des Kaisers geschwächt wird, die Territorien/Landesherrschaften ihren Einfluss stärken und ausbauen können, weil die Angst vor einer Bedrohung durch Krieg (die sogenannte Türkengefahr) unausgesprochen schwelt.

Kulturell, weil mit der Renaissance und dem Humanismus ein neues Menschenbild und -verständnis entsteht, weil mit der Entdeckung Amerikas die Welt größer wird, weil mit der Erfindung des Buchdruckes Nachrichten schneller verbreitet werden können.

Auf der anderen Seite stehen die traditionellen Wertesysteme der Kirche, die mit überkommenen Ritualen den Menschen in seiner "Unmündigkeit" festhalten wollen. Mit Martin Luther - der Wittenberger Nachtigall - beginnt ein neues Kapitel in dem Streben nach Veränderung.

Wittenberg ist eines der geistigen Zentren des 16. Jahrhunderts. Studenten aus allen Gegenden treffen hier mit geistigen Größen des Reformationszeitalters zusammen. Bald wird es üblich, dass sich die Studenten in kleinen, hochformatigen Büchlein, so genannten Stammbüchern, Einträge ihrer Professoren, aber auch ihrer Kommilitonen holen. Oft fügen die Schreiber einen Spruch dazu. Das erste Wittenberger Stammbuch entsteht 1545.

Für Zerbst interessant ist das drittälteste erhaltene. Abraham Ulrich nutzt es von 1549 bis 1577, sein Sohn David führt es von 1580 bis 1623 weiter. Abraham Ulrich, 1526 in Kronach geboren, sollte für Zerbst und Anhalt eine ganz besondere Bedeutung erlangen. Verheiratet war er mit Anna, der Tochter des Barbyer Bürgermeisters Bartholomäus Erfurt.

Er trägt sich 1543 als Student in Wittenberg ein und 1544 auch in Leipzig. Es ist anzunehmen, dass er während des Schmalkaldischen Krieges, einer Auseinandersetzung zwischen lutherischen Protestanten und kaiserlichen Reformationsgegnern, zusammen mit Philipp Melanchthon in Zerbst Schutz suchte. 1550 promoviert er zum Magister der Philosophie und unterrichtete anschließend die Kinder des Grafen von Barby.

1558 tritt er eine Pfarrstelle an der Zerbster St. Bartholo-mäikirche an. Dort beschäftigt er sich besonders mit dem Aufbau der dortigen Schule und der Bibliothek. Schließlich wird er 1571 zum Generalsuperintendent berufen und ist damit der oberste Kirchenherr für alle Kirchen im gesamten Land Anhalt. Er folgt dem ersten Superintendenten und Freund Melanchthons Theodor Fabri-cius im Amt nach.

Abraham Ulrich stirbt 1577 und wird in St. Bartholomäi beigesetzt. Sein 1561 in Zerbst geborener Sohn David, der das Stammbuch ab 1580 weiter nutzt, studiert ab 1575 in Wittenberg und ist später als Jurist tätig.