Dessau-Roßlau l Das Schiff, respektive das Große Haus des Anhaltischen Theaters Dessau, ist am Silvesterabend, wie bereits am Nachmittag, bis auf den letzten Platz ausverkauft. Ein tief dröhnendes Sirenensignal ertönt. Fertig zum Ablegen. Generalmusikdirektor Antony Hermus, als Kapitän der Überfahrt nach New York und ins Neue Jahr, betritt die Brücke, greift statt zum Steuer zum Taktstock. Alles hört ab nun auf sein Kommando. Zunächst "läutet" die Anhaltische Philharmonie blechvoluminös und rhythmusstark die gut zweieinhalbstündige große Silvestergala mit "Times Square" aus dem Musical "On the Town" von Leonard Bernstein ein.

Mehr als 20 Mal werden unter dem Motto "Beswingt ins neue Jahr" (Inszenierung André Bücker) sehr bekannte und weniger gehörte Titel flott präsentiert. Für ein wenig Rahmenhandlung sorgen Jenny Langner und Jan Kersjes vom Dessauer Schauspielensemble als - "Titanic" lässt grüßen - Rose und Jack. Sie, Tochter aus wohlhabendem Haus und des großen Entertainers an Bord. Er gehört zur dienenden Schiffsbesatzung und hat große Ambitionen zur Bühne. In eingestreuten neckischen Szenen, eingeschlossen erfreulich gelungene Gesangs- und Tanzbeiträge wie "Alles was du kannst ...", wird deutlich, dass der Schiffsjunge sicher seinen Weg gehen wird.

Zweimal ausverkauft

Ob das auf dem Schiff "Theater Dessau" erfolgt, muss anlässlich gegenwärtiger Unsicherheiten, offenbleiben. Wenn man sich kurz von der zauberhaften Stimmung des Abends löst, ist es wert, sachlich festzustellen, dass mit diesen zweimal ausverkauften Vorstellungen das Anhaltische Theater wiederum einen nachhaltigen Beweis seines großen künstlerischen Potentials im gemeinsamen Miteinander von Musiktheater, Schauspiel, Ballett und der Anhaltischen Philharmonie und seiner hohen Resonanz beim Publikum geliefert hat.

Die Programmgestaltung steht für beste Unterhaltung und Vielfalt. Es werden Träume geweckt, Gefühle initiiert und Stimmungen angeregt.

Kraftvoll nährt Ulf Paulsen mit "New York, New York" die Sehnsüchte und Hoffnungen an die Neue Welt. Nicht minder bewegend ist sein "Strangers in the Night".

Es wird ganz still im Saal, wenn Iordanka Derilova aus der Bühnentiefe gewissermaßen die Showtreppe langsam herabkommend mit großer Emotionalität "Summertime" aus Gershwins "Porgy and Bess" und später auch "Memory" aus "Cats" von Andrew Lloyd Webber singt.

Die aus Dessau stammende und inzwischen renommierte Musicaldarstellerin und Schauspielerin Karen Helbing als Gast begeistert das Publikum mit Stimme, Spiel und Tanz. So als Solistin bei "I\'m a Stranger here myself" aus Kurt Weills Musical "One Touch of Venus", im Duett mit Ulf Paulsen bei Bart Howard "Fly me to the moon" oder mit Jagna Rotkiewicz und Jan Kersjes in "Bei mir bist du scheen".

Die mit einem Klarinettensolo eingeleitete und vom Pianisten Boris Cepeda interpretierte "Rhapsodie in Blue" von Gershwin wird vom Publikum begeistert aufgenommen.

Ein stimmungsvolles Highlight ist ebenso "America" aus der "West Side Story". Mit Karen Helbing, Jagna Rotkiewicz, fünf Tänzerinnen der Ballettcompagnie und den Damen des Dessauer Opernchores zugleich noch einmal eine schöne Erinnerung an die erfolgreiche Dessauer Inszenierung.

Stehende Ovationen

Die Überfahrt - zusätzlich den ganzen Abend optisch von wechselnden New York-Fotos im Bühnenhintergrund attraktiv gestaltet - nähert sich ihrem Ende. Wie das alte Jahr. Ulf Paulsen erzeugt Gänsehaut mit Frank Sinatras Welthit "My Way". Und wird zusammen mit dem Opernchor klassisch mit einem Ausschnitt aus Beethovens "Ode an die Freude". Bis ihm Karen Helbing "ins Wort" fällt. Mit dem Chor und mit der Gospel-Fassung "Joyful, joyful" aus "Sister Act".

Das Publikum bejubelt den Abend, auch mit stehenden Ovationen. Alle Mitwirkenden verabschieden ihre Gäste mit dem gemeinsam gesungenen besinnlichen "Happy New Year" von ABBA.

Die Gäste des Neujahrsempfangs des Dessauer Oberbürgermeisters haben am kommenden Sonntag noch einmal die Gelegenheit, diese wunderbare Silvestergala zu erleben.