Äcker und Felder gleichen derzeit riesigen Seen. Schnee und Eis haben sich in Wasser verwandelt, Regen hat für weiteres Nass gesorgt. Besorgt schauen Landwirte auf die Flächen, sehen bereits erste Schäden und damit verbunden mögliche Ernteausfälle. Wie ist die Situation konkret?

Zerbst. "Das Wasser steht seit Wochen. Beim Getreide und beim Raps, beides ist ja im Boden, fault es schon, hier hat sich Staunässe gebildet", schüttelt Joachim Wuttig den Kopf. "Hier werden wir Ernteausfälle haben. Das ist heute schon klar", so der Geschäftsführer der AgriCo Lindauer Naturprodukte AG. Auf 3000 Hektar baut das Unternehmen an. "Wie es beim Spargel aussieht, das müssen wir abwarten. Das hängt davon ab, wann der Boden soweit abgetrocknet ist, dass wir ihn bearbeiten können", erläutert Wuttig.

Landwirte arbeiten bekanntlich in der Natur, müssen mit ihr umgehen. "Das ist unser täglich Brot, damit haben wir auch kein Problem", so Wuttig. "Ein Problem habe ich allerdings damit, dass beispielsweise seit Jahren die Nuthe nicht mehr so sauber gemacht wird, wie das einst getan wurde. Außerdem ist sie auch noch halb voll mit Erde. Wie soll da das Wasser vernünftig ablaufen können?", fragt er. Außerdem steige seit Jahren das Grundwasser, was die Probleme noch weiter verschärfe. Vorausgesehen habe er die jetzige verschärfte Situation nicht, "ich bin ja kein Hellseher". Aber viele der heutigen Probleme seien hausgemacht, so der AgriCo-Chef, und er habe seit Jahren darauf aufmerksam gemacht. "Wenn man das Wasser nicht schadlos ablaufen lässt, dann muss man sich über die jetzige Situation auch nicht wundern", so Wuttig.

Sieht er in den sehr starken Niederschlägen nicht auch eine Ursache? "Sicher gab es seit 2009 viele Niederschläge. Um so wichtiger ist es doch, dass die Vorflut ausreichend ist. Außerdem waren die Niederschläge in den vergangenen Jahren und in diesem Jahr nicht sehr viel heftiger als in der Zeit davor."

"Getreide und Raps faulen schon"

Dann hat Joachim Wuttig die Statistik parat: "1977 hatten wir in Lindau beispielsweise 785 Millimeter Niederschläge auf den Quadratmeter, 1994 waren es 755 und im vergangenen Jahr 781 Millimeter. Allerdings waren die Auswirkungen vorher niemals so gravierend wie momentan", so Wuttig.

Heinz Vierenklee, Geschäftsführer des Bauernverbandes Anhalt: "Wann wir unsere Flächen vernünftig bestellen können, das steht in den Sternen", ist er ebenfalls ärgerlich. "Über die Höhe des Ausfalls kann ich noch nichts sagen." Der Mann sagt auch: "Noch haben wir keine Panik, weil eben das Wetter noch nicht absehbar ist. Reis wollen und werden wir allerdings nicht anbauen", versucht er, einen Scherz zu machen.

Wenn die Ernteausfälle heftig sein sollten, macht er sich keine Hoffnungen, finanzielle Unterstützung vom Land, Bund oder von der Europäischen Union zu bekommen. "Das Geld ist doch gar nicht da!" Sehr bestimmt sagt er: "Wir Landwirte tragen das Risiko, auch das Risiko, dass die Natur nicht so mitspielt, wie wir es uns wünschen. Aber dass wir das ausbaden müssen, was andere durch ihre schlechte Arbeit verursacht haben, das können wir nicht so hinnehmen." Nach einer kurzen Pause: "Wir als Bauernverband tragen uns wirklich mit dem Gedanken, Klage gegen den Verursacher unserer Situation einzureichen."

Als Verursacher der extrem nassen Flächen hat Heinz Vierenklee vor allem einen ausgemacht: "Der Landesbetrieb für Hochwasser und Wasserwirtschaft Lutherstadt Wittenberg. Er macht die Nuthe nicht so sauber, wie es sein muss. Wenn das Gewässer erster Ordnung, für die der Betrieb ja verantwortlich ist, nicht so gereinigt wird, wie es unbedingt sein muss, dann können Gewässer zweiter Ordnung auch nicht ablaufen. Und das ist die eigentliche Ursache für unser Problem."

Das sieht der Adressat der Kritik natürlich anders. "Seit zwölf Jahren mache ich diesen Job, und seit zwölf Jahren höre ich immer wieder diesen Vorwurf", so Frank Torger, Flussbereichsingenieur beim Landesbetrieb für Hochwasser und Wasserwirtschaft, der auch für die Nuthe zuständig ist. "Auch mein Amtsvorgänger ist immer wieder mit diesem Vorwurf konfrontiert worden, und das seit der Wende. Trotzdem ist er falsch!", gibt er energisch zurück. "Wer möchte, dass die Nuthe das ganze Jahr über saubergemacht wird, der muss die DDR wieder einführen", macht er seinem Ärger Luft.

"Es ist richtig, dass zu DDR-Zeiten die Meliorationsmaßnahmen das ganze Jahr über durchgeführt wurden", so Frank Torger. "Aber wir haben uns nach rechtlichen Rahmenbedingungen zu richten und die besagen, dass wir nur noch von September bis März die Flüsse bereinigen dürfen, weil wir beispielsweise auch an die Fische und Kröten im und am Flusslauf denken müssen. Tier- und Naturschutz sind auch wichtig."

"Auf das Pflügen wird verzichtet"

Torger macht eine andere Ursache für das Problem aus: "Auf den Äckern wird heutzutage weitestgehend auf das Pflügen verzichtet. Meistens wird nur noch gefräst. Dadurch wird nicht mehr so tief in den Boden reingegangen, die Flächen dadurch praktisch versiegelt." Und: "Gerade im Bereich Zerbst und Umgebung sind die Drainagen aus den Jahren 1975 bis 1980. Die sind mittlerweile versandet, arbeiten dadurch nicht mehr richtig."

Die Fronten zwischen Landwirten und Landesbetrieb sind also klar, eine schnelle Lösung nicht greifbar. Heinz Vierenklee, Geschäftsführer des Bauernverbandes: "Wir möchten ein Gespräch mit dem Minister Karl-Heinz Daehre!" AgriCo-Chef Wuttig: "Wir müssen einen Kompromiss finden."

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