Hat Zerbst zu wenige Fachärzte? Zumindest, wer zum Augenarzt oder Psychotherapeuten muss, hat es nicht einfach, einen Termin zu bekommen. Offizielle Stellen sagen allerdings, dass sich die Leute inzwischen an lange Wege und Wartezeiten gewöhnt hätten.

Zerbst l Mitten in der Schwangerschaft war es plötzlich da: Ein Gefühl der Unsicherheit, das sich bald zu Angst und Panik auswuchs. Katharina B., wie die junge Frau hier genannt werden soll, vertraute sich ihrem Hausarzt an.

Doch viel mehr, als der werdenden Mutter gut zureden, konnte der Allgemeinmediziner nicht für sie tun. Das Problem saß nach erster Einschätzung tiefer, also wollte er einen Platz in der psychiatrischen Tagesklinik für sie finden. Doch bald kam die ernüchternde Erkenntnis: Die Wartezeit auf einen solchen Platz würde mindestens ein halbes Jahr betragen. Die junge Frau überbrückte das mit Krankschreibungen, ohne jedoch konkrete Hilfe zu erfahren. Die Partnerschaft von Katharina B. stellte das auf eine harte Probe. Oft wurde über Trennung gesprochen.

Versorgungslage in der Region Zerbst ist dramatisch

Dr. Walter Elß ist Allgemeinmediziner und kann viele solcher Geschichten aus seiner Praxis berichten. "Die Versorgungslage im fachärztlichen Gebiet ist dramatisch", urteilt er. Gerade im psychologischen Bereich sei es schwierig, einen Therapeuten zu finden. Für die Betroffenen ist das eine Zumutung, denn wer einen Termin für ein Gespräch will, braucht entweder viel Glück oder einen langen Atem.

Auf Anhieb am Telefon einen Termin zu vereinbaren, scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Am anderen Ende der Leitung wartet bestenfalls eine Bandansage. Im schlechteren Fall ist es ein nicht enden wollender Freizeichenton. Bei nur zwei von acht Testanrufen hatte der Therapeut eine Nachricht auf seinem Anrufbeantworter hinterlassen, mit einer Info darüber, wann er erreichbar sei.

In Zerbst gibt es ohnehin nur zwei praktizierende Psychotherapeuten, so dass viele auf Ärzte in umliegenden Gemeinden ausweichen müssen.

Allgemeinmediziner Walter Elß ist das Problem der schlechten Erreichbarkeit seiner Facharztkollegen inzwischen pragmatisch angegangen: "Ich mache für meine Patienten die Termine aus. Nicht per Telefon, sondern per Fax. Manche geben uns sogar recht schnell Antwort, besonders wenn es sich um dramatische Fälle handelt". Oft will der Arzt nämlich nur eine Fachauskunft des Kollegens, wenn er zum Beispiel Psychopharmaka verordnet.

Die Häufigkeit von psychosomatischen Erkrankungen sei in den vergangenen Jahren stark gestiegen, sagt er. "Die Leute stehen unter großem Druck", fügt der Mediziner hinzu. "Die Ursachen für psychische Erkrankungen liegen oft in der Arbeitswelt. Zeitarbeit und die daraus entstehende Unsicherheit macht den Leuten zu schaffen. Wer eine Arbeit hat, will sie nicht verlieren, viele gehen krank zur Arbeit statt zum Arzt." Wenn Schulden und sonstiger Stress dazu kämen, werde eben irgendwann die Seele krank, sagt der Arzt.

Laut Kassenärztlicher Vereinigung Sachsen-Anhalts (KV) sei der Landkreis Anhalt-Bitterfeld jedoch ausreichend mit Psychotherapeuten versorgt. Erst im Dezember 2013 wurden bundesweit neue Stellen ausgeschrieben. Elf davon entfielen auf den Landkreis Anhalt-Bitterfeld, der kleinsten Bedarfsplanungseinheit für die KV. "Ob darunter auch Stellen in Zerbst waren, können wir nicht ohne weiteres ermitteln, eben weil für uns die kleinste Planungseinheit ein Landkreis ist", erläutert Martin Wenger, Geschäftsführer der KV Sachsen-Anhalt mit Sitz in Magdeburg. In Dessau-Roßlau sitzen die neuen Ärzte jedenfalls nicht, denn die Stadt wird seit Anfang des Jahres gesondert von der KV betrachtet: "Weil immer wieder von verschiedenen Stellen behauptet wurde, dass Dessau-Roßlau doch viel zu gut versorgt wäre", begründet der KV-Sprecher die Differenzierung.

"Zerbst? Auge? Null!" - Laut KV keine Beschwerden

Zumindest, was die Augenärzte betrifft, ist Dessau-Roßlau im Vergleich zu Zerbst gut aufgestellt. Während es hier nur eine Augenärztin gibt, die seit 2007 Privatpatienten und Notfälle betreut, praktizieren in Dessau-Roßlau laut Telefonbuch mindestens sechs Augenärzte. "Die Leute haben sich an lange Anfahrtswege gewöhnt, wenn sie zum Augenarzt müssen", sagt Martin Wenger.

Patienten können per E-Mail unter "patientenservice@kvsa.de ihre Probleme mit Haus- und Fachärzten vortragen. "Zerbst? Auge? Null!", sagt der Sprecher der KV und meint damit, dass es bisher keine Beschwerden über fehlende Augenärzte in Zerbst gegeben habe.

Der Zerbster Hermann Lehmann und viele weitere sehen dies ganz anders. "Es gibt nur eine privat praktizierende Augenärztin! Was wird uns noch alles an Kosten zugemutet?", beschwert sich Lehmann seit Monaten. Das weiß auch die KV. Seit September 2011 sind 1,5 Augenarztstellen eigens für Zerbst ausgeschrieben. Für die Neugründung einer Praxis wurde eine Prämie von 60 000 Euro ausgelobt. Bisher hat sich kein neuer Kassenaugenarzt nach Zerbst locken lassen. "Wir können die Leute nicht zwingen, nach Zerbst zu gehen", erklärt Wenger.

Der allgemeinen ärztlichen Unterversorgung im ländlichen Raum wird allerdings durchaus entgegengewirkt. So gibt es für Medizinstudenten die Möglichkeit, sich mit 800 Euro pro Monat fördern zu lassen. Die Bedingung: Die Jungmediziner müssen sich in einem versorgungsschwachen Gebiet in Sachsen-Anhalt niederlassen. Und zwar zumindest für eine so lange Zeit, wie sie studiert haben.