Wegen fahrlässiger Tötung und unterlassener Hilfeleistung wurde gestern ein 31-jähriger Zerbster zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Er hatte im April 2012 eine 75-jährige Frau überfahren. Die Frau starb sechs Wochen später.

Zerbst l Anfang Februar 2012 wird Matthias L., ein damals 29-jähriger Zerbster, wegen Fahren unter Alkohol zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und vier Monaten verurteilt. Seinen Führerschein ist er los. Doch bereits zwei Monate später fährt er erneut mit einem Pkw. Diese Fahrt endet für eine 75-jährige Zerbsterin schrecklich: L. fährt sie um, die Frau verstirbt sechs Wochen später. Gestern wurde über die Tragödie Gericht gehalten.

Neben L. ist auch die Fahrzeughalterin Manuela S. aus Zerbst sowie ein Kumpel von L. der fahrlässigen Tötung und der unterlassenen Hilfeleistung angeklagt. Letzterer erscheint nicht, folglich trennt Amtsgerichtsdirektor Andreas van Herck die Verhandlung gegen ihn ab. Er wird nun per Haftbefehl gesucht.

An jenem 7. April hat L. bereits gegen 11.30 Uhr mehrere halbe Liter Bier intus. Mit Kumpel B. trinkt er die letzten Vorräte leer, dann sollte Nachschub besorgt werden. Manuela S. wird angerufen, sie möge mit ihrem Auto den Transport vom Kaufland zur Lüttgen Brüderstraße übernehmen. Zum Laufen hatte man keine Lust. Dies geschieht, ein weiteres Bierchen wird getrunken und die Idee entsteht, an die Elbe bei Dornburg zu fahren, weil es dort schön sei. Vor Ort schlägt das Wetter um, die Ausflugslust vergeht, es sollte zurück gehen. L. fordert mehrfach, er wolle mal das Auto fahren. S. fühlt sich bedrängt, gibt ihm schließlich die Schlüssel, obgleich sie weiß, dass er keinen Führerschein, dafür Alkohol getrunken hat.

Über Gommern geht es nach Zerbst zurück. Ein Zeugen-Ehepaar hat das Auto vor sich. Es ist zwischen 80 und 140 Sachen in Schlangenlinien unterwegs, was die Zeugen schwer verunsichert. Einmal hätte L. fast einen entgegenkommenden Kleintransporter gerammt. Der Zeuge sagt, er habe sich nicht getraut, das Auto zu überholen.

In Zerbst fährt L. dann schneller als der Zeuge hinter ihm und als erlaubt. Möglicherweise dreht er am Dicken Turm auf, um noch Grün zu erwischen. Der Zeuge hat Rot. Und sieht beim Weiterfahren wenig später, dass das Auto auf dem Radweg neben der Einmündung Klappgasse steht. Im Vorbeirollen sieht das Zeugen-Ehepaar eine Person liegen. Sie wenden. Und verfolgen genau wie ein Anwohner, der sofort dem Knall gefolgt und herbeieilt war, eine makabere Szene: Das Unfallopfer liegt wenige Meter entfernt ohne Hilfe auf der Straße, während sich die drei Insassen des Unfallautos über die Sachschäden streiten und überlegen, ob sich S. als Fahrerin ausgeben kann.

Diese völlige Teilnahmslosigkeit, diese Gefühlskälte machte gestern auch dem Gericht schwer zu schaffen. Die Beschuldigten fanden keine Rechtfertigung. L. stammelte zwar, er habe sich kurz zu der Rentnerin gebeugt, aber nicht gewusst, was er machen soll. Und das viele Blut habe ihn völlig verunsichert. Zeuge Jörg A. widerspricht: "Ich hab gesehen, wie die ausgestiegen sind. Da hat sich keiner um die Frau geschert!" Er habe die drei angesprochen, sie mögen sich um das Unfallopfer kümmern. Keine Reaktion.

Polizei und Unfallmediziner sind schnell zur Stelle, weitere Leute helfen. Die drei nicht. Sie werden befragt. Alkoholgeruch wird wahrgenommen, L. wird zur Blutentnahme gebracht. Im Polizeiauto hat er nichts eiligeres zu tun, als sich über die Frist zu erkundigen, nach der er einen neuen Führerschein bekommen könne.

Manuela S. war gestern völlig überfordert. Es tue ihr leid, aber helfen? Keine Antwort.

Ein Sachverständiger attestiert gestern dem Haupt-Angeklagten ein erhebliches Maß an Gefühlslosigkeit - Resultat der persönlichen Entwicklung. L. wurde als Einjähriger adoptiert, lernte schwer und hat weder Schul- noch Berufsabschluss. Zudem, so der Gutachter, sei L. alkoholabhängig. Er solle in eine Entziehungsanstalt eingewiesen werden. Dies konkurriert mit seinem aktuellen Haftaufenthalt (wegen der Alkoholfahrt im Februar 2012).

Richter van Herck folgte den Anträgen der Staatsanwaltschaft. S. wurde zu einer Geldstrafe von 1320 Euro verurteilt. L. kommt zwei Jahre und neun Monate hinter Gitter, zuvor aber in eine Entziehungsanstalt. Der Richter wünschte sich abschließend, der Verurteilte solle zeitlebens keinen neuen Führerschein ausgestellt bekommen.