"Du bist spitze!" Sechs Kandidaten bewerben sich um den Titel "Lokalmatador 2013". Den Sieger ermitteln einzig die Volksstimme-Leser mit dem Abstimmungs-Coupon. In den vergangenen Wochen stellten wir die Kandidaten vor. Als sechste Kandidatin wird heute vorgestellt: Gisela Achilles.

Zerbst l "Ich weiß nicht, ob ich ein Helfersyndrom habe. Keine Ahnung." Das sagt Gisela Achilles und berlinert drauf los. Das sie keine gebürtige Zerbsterin ist, hört man sofort. Dass sie aus Berlin kommt auch.

Nach der Wende zog es Gisela Achilles nach Zerbst. "Ich muss zugeben, ich habe die Ereignisse am 9. November gar nicht mitgekriegt", erinnert sich die heute 65-Jährige. Einen Tag später erst ging sie nach der Arbeit zur Invalidenstraße in Berlin und machte sich selbst ein Bild von den historischen Ereignissen, die auch ihr Leben von Grund auf verändern sollten. Die Grenze war offen.

"Wir haben Jahre geschrieen: ,Wir sind eins\'. Da musste ich doch auch was machen." Gesagt, getan. Gisela Achilles zieht nach Zerbst, baut hier das Mazda-Autohaus auf. Schon in West-Berlin arbeitete sie für Mazda, nun also in Zerbst. Es war ein hartes erstes Jahr in der Rolandstadt. "Man hat nicht mit mir gesprochen", erinnert sie sich. Die Gründe mögen verschieden gewesen sein, doch ein leichter Start ins neue Leben war es nicht.

"Dabei bin ich ja Berlinerin. Das ist kein Vergleich von wegen Ossi und Wessi. Wir saßen mittendrin." Denn Berlin liegt ja bekanntlich im Osten. Mit ihrem Fachwissen und ihrem Einsatz für das Kfz-Gewerbe eroberte sie sich nach und nach den Respekt der Zerbster, und mit ihrer Art auch das Herz eines Mannes. "So richtig eingemeindet wurde ich von meinen Kfz-Kollegen aber erst an meinem 50. Geburtstag, glaube ich", erinnert sich Gisela Achilles und muss schmunzeln. 1998 war das.

Die Entscheidung, nach Zerbst zu ziehen, hat sie nie bereut. "Ich fahre sehr gern nach Berlin, aber auch sehr gern wieder zurück nach Zerbst." Hier warten mittlerweile viele Freunde und Bekannte auf sie - und zahlreiche Aufgaben. Denn irgendwas muss am Helfersyndrom dran sein, da Gisela Achilles sich ehrenamtlich stark engagiert.

"Ich habe versprochen, dieses Ehrenamt weiterzuführen, bis sich ein Nachfolger findet."

Sie ist Mitglied im Landesverband des Kfz-Gewerbes Sachsen-Anhalt, im Verwaltungsrat der IKK gesund plus, ist Obermeisterin der Kfz-Innung Anhalt-Zerbst sowie in der Prüfungskommission der Automobilkaufleute. Hinzu kommt ihr Engagement im Lions Club Zerbst und sie leitet seit 2011 die Schiedsstelle in Zerbst. "Beruflich haben mir viele Menschen geholfen. Ich glaube, ich versuche jetzt ein bisschen davon zurückzugeben."

Zum Beispiel als Obermeisterin der Kfz-Innung Anhalt-Zerbst. "Ich habe versprochen, dieses Ehrenamt solange weiterzuführen, bis sich ein Nachfolger findet." Und Versprechen hält sie ein. Zumal sich die Nachfolgersuche schwierig gestaltet - wie in vielen ehrenamtlichen Tätigkeiten auch. "Alle sind im Stress und so sehr in ihre Arbeit eingebunden. Da ist es schwer, ein solches Amt noch nebenbei auszuüben", weiß Gisela Achilles. Auch für ihre Tätigkeit in der Prüfungskommission fehlt ein Nachfolger. "Ich bin vor Ort, ein schneller Anruf ist immer drin. Das ist der Vorteil, dass ich nun in Rente bin. Ich habe jetzt die Zeit, solche Aufgaben wahrzunehmen."

Doch es sind auch soziale Projekte, die Gisela Achilles am Herzen liegen. Im Lions Club engagiert sie sich rege für den Alpha-Kurs von Marlies Haase an der Kreisvolkshochschule, in dem Erwachsene Lesen, Rechnen und Schreiben lernen. In der Ciervisti-Schule ist es die Betreuung des Trainingsraumes durch Margitta Danisch. Diese nimmt Unterrichtsstörer oder Schüler mit Aufmerksamkeitsdefiziten dort in Empfang, betreut sie, tröstet, hört zu, wird auch energisch, wenn es denn sein muss.

"Die Zerstörungswut der Jugendlichen verstehe ich nicht. Aber wie soll man es ihnen beibringen, anders zu reagieren?" Für Gisela Achilles liegt die Antwort nahe: Mit einer Fachkraft. Vor Ort. "Dort funktioniert es. Frau Danisch ist eine gestandene Zerbsterin und das wirkt."

Wenn Not am Mann ist, hilft Gisela Achilles schnell und unkompliziert. Davon kann Oscar berichten. Der junge Mann aus Chile wollte in Deutschland ein paar Wochen in einer Gastfamilie verbringen. Doch etwas ging schief, er wartete auf gepackten Koffern auf eine Gastfamilie. "Da muss man doch helfen, wenn man davon hört." Seit einigen Wochen wohnt Oscar nun bei Gisela Achilles in Zerbst, geht hier zur Schule. Mitte Februar wird er eine Rundreise durch Europa antreten, bevor es wieder nach Hause geht. "Dann sind seine Sommerferien vorbei und die Schule ruft ihn wieder."

"Ich bin allein und habe Zeit dafür. Warum sollte ich es also nicht machen?"

Für die Zukunft hat sie sich bereits eine weitere Möglichkeit überlegt, wo Hilfe gebraucht werden könnte. "In der Begegnungsstätte Nord der Volkssolidarität werde ich mal nachfragen." Doch bis dahin wird keine Langeweile aufkommen. Zum einen bindet sie die Arbeit in der Schiedsstelle als deren Leiterin ein, zum anderen hat sie sich als Wahlhelferin für die Kommunalwahlen im Mai angemeldet. Seitdem sie nach Zerbst gezogen ist, ist sie als Wahlhelferin im Einsatz. "Erst lernte ich Gehrden kennen. Als ich dann in Niederlepte wohnte, sagte mein Mann, ich solle mich dafür anmelden, im Wahllokal in Nutha zu helfen. Dann lerne ich ein paar Leute kennen." Und später in Zerbst blieb sie Wahlhelferin.

Es sind Ehrenämter, die Gisela Achilles ausübt, die weniger in Vereinen angesiedelt sind. "Ich kann mir nicht vorstellen, mich in einem bestehenden Verein anzumelden", sagt Gisela Achilles. Lieber sucht sie sich ihre eigenen Aufgaben, bleibt flexibel. "Meine Mitgliedschaft im Lions Club ist da die einzige Ausnahme." Doch in diesem ist sie Gründungsmitglied, war bereits ein Jahr Präsidentin. "Da bin ich mittlerweile auch die Älteste", sagte sie und muss schmunzeln. Aber auch eine der rührigsten. "Ich bin allein und habe die Zeit dafür. Warum sollte ich es also nicht machen? Vielleicht hab\' ick wirklich ein kleines Helfersyndrom."