Manfred Werner vom Briefmarkenverein Anhalt-Zerbst hielt am Donnerstag einen Vortrag über 100 Jahre Kriegsgefangenenlager Zerbst.

Zerbst l Vorbei am Kreiskrankenhaus und Schützenhaus, Heidetor und Neuer Kaserne marschierten die Kriegsgefangenen, die Zerbst zumeist mit dem Zug erreichten, bewacht von deutschen Landsturm-Männern zum Lager, das auf dem ehemaligen Exerzierplatz errichtet worden war.

Anhand historischer Aufnahmen ließ Manfred Werner die rund 50 Besucher im Vortragsraum der Kreissparkasse den Marschweg nachvollziehen. Ein Raunen ging durch das Publikum, als der Referent erklärte, dass 300 Mann in einer Baracke untergebracht waren. Das Gefangenenlager war mit einem doppelten und 2,75 Meter hohen Stacheldrahtzaun gesichert und umfassend ausgestattet: Küchengebäude, Krankengehöft, Arrestanstalt, Feuerwehrdepot, Leichenhalle etc. Selbst eine Fotografie des Altarraums der Kirchenbaracke konnte Manfred Werner zeigen. Religionen, die keinen Altar benötigten, ließen einen Vorhang runter.

Verwundete wurden erst versorgt, bevor sie ins Lager kamen. Zerbst verfügte über mehrere Hilfslazarette, beispielsweise im Schützenhaus, im Goldenen Löwen oder auf der Breite. Verstorbene wurden auf dem Muchelfriedhof beigesetzt.

Laut Lagerordnung war das Rauchen in den Baracken streng verboten. Im Lager standen Rauchlampen, an denen der Tabak entzündet werden konnten. Die Gefangenen durften Post verschicken. "Die üblichen Paketwagen waren nicht mehr in der Lage, die Flut zu bewältigen", erklärte Manfred Werner. Ein fünf Meter langer Möbelwagen sei stattdessen zum Einsatz gekommen.

Mit Bleistift und Kopierstift durften die Kriegsgefangenen ihre Briefe schreiben, nicht aber mit Tinte. Nach zehn Tagen bekamen die Briefe oder Ansichtskarten den Stempel "F.a." für "Frist abgelaufen", so dass sie schließlich versandt werden durften.

"Die Gefangenen wurden zum Arbeiten angehalten", sagte Manfred Werner. Seine Fotodokumente zeigten die Russen, Franzosen, Engländer oder Belgier beim Ausheben von Latrinen oder als "Pferde auf zwei Beinen" - im Geschirr eines Pferdewagens. Als billige Arbeitskräfte seien sie auch in Unternehmen eingesetzt worden. Das "größte, was im Lager geschaffen wurde", sei das Denkmal des Kriegsgefangenenlagers gewesen, schilderte Manfred Werner und hatte auch Bildmaterial zur Hand, auf dem das Denkmal noch mit gusseisernem Adler auf der Spitze zu sehen ist. "Das Denkmal kennen viele, meistens jedoch ohne den Adler." Sowjetische Streitkräfte hätten später das Denkmal leider für Schießübungen missbraucht.

Schon im Oktober 1914 waren im Zerbster Lager etwa 2000 Leute untergebracht.

Für das Lager wurde 1916 auch Geld herausgegeben, das die Unterschrift des Kommandanten trug. Das Geld konnte einzig im Lager ausgegeben werden.

Der Vortrag war der zweite, den der Briefmarkenverein Anhalt-Zerbst anlässlich der Zerbster Kulturfesttage veranstaltete. Nach der erfolgreichen Premiere 2013 gab es dieses Jahr eine Neuauflage.