Das 22. Kurt Weill Fest in Dessau hat begonnen. Die Gäste erlebten einen fulminanten Auftakt im Anhaltischen Theater Dessau.

Dessau-Roßlau l Das Eröffnungskonzert des Kurt Weill Festes 2014 hätte das Festivalmotto "Aufbruch - Weill die Medien" nicht stimmiger treffen können. Nach der kurzen, aber knackigen Ouvertüre zur Oper "Neues vom Tage" von Paul Hindemith aus dem Jahre 1929 mit kontrastreicher Musik im Bogen lieblicher Melodien bis dramatischem Rhythmus und intensiven Einwürfen erlebten die von Beginn an begeisterten Zuschauer im ausverkauften Anhaltischen Theater Dessau "neue Medien pur". In Aktion waren die diesjährigen Artists-in-Residence: der GMD Antony Hermus und die Anhaltische Philharmonie Dessau.

Die 1929 erstmals gesendete Rundfunk-Kantate "Der Lindberghflug" von Kurt Weill/Bert Brecht, basiert auf dem ersten Alleinflug des amerikanischen Piloten Charles Lindbergh über den Ozean im Nonstop von New York nach Paris im Jahre 1927. In 15 teils sehr emotional geprägten Situationsschilderungen, Gedankengängen, fiktiven Gesprächen "beschreiben" ein Sprecher (Jan-Pieter Fuhr), drei Gesangssolisten (David Ameln, Ulf Paulsen und Wiard Witholt) sowie der Opernchor das spannungsgeladene Geschehen. In bester Abstimmung mit der die Situationen trefflich interpretierenden Musik entstand ein wunderbares Hörerlebnis.

Nach der Pause erlebte der Konzertgast einen Medienwechsel: Film und Musik. Allein schon die Sequenzen des 1927 in die Kinos gebrachten legendären Dokumentarfilms "Berlin - Die Sinfonie der Großstadt" sind bezaubernd.

Walther Ruttmann beschreibt einen Tag in Berlin der 1920er Jahre. Er vermittelt Einblicke in die Lebens- und Arbeitsverhältnisse dieser Zeit. Durch sein klug durchdachtes Drehbuch vom langsamen Erwachen der Stadt, dem sich entwickelnden pulsierenden Leben und schließlich dem allmählichen zur Ruhekommen schuf der Filmautor eine Art "Sinfoniecharakter". Die nur als Klavierfassung vorgelegene Originalmusik von Edmund Meisel (1894-1930) orchestrierte Mark-Andreas Schlingensiepen im Jahre 1987.

Ein von einer Dampflokomotive gezogener Schnellzug fährt durch Berlins Randzonen mit Blick auf Landschaft und typische Kleingartenanlagen Richtung Stadtzentrum - zum Anhalter Bahnhof. Die sehr variable Musik mit verschieden agierenden dominanten Soli und Instrumentengruppen begleitet sehr trefflich die einzelnen Situationen, reagiert faszinierend auf schnelle Schnittwechsel, nutzt auch Geräuschimitationen sehr effektvoll. Es ist faszinierend, wie szenenstimmig und teils auch sekundengenau die Takte, einzelne Töne oder zum Beispiel der Pfiff auf dem Bahnsteig "getroffen" werden. Zudem, wenn man weiß, dass in der Partitur lediglich ganz vereinzelte Stichpunkte aufgeführt sind.

Antony Hermus gebührt größte Anerkennung, wie er mit Höchstkonzentration, bemerkenswerter Kondition und "ruhelos fliegenden Blicken" zwischen Partitur, Orchester und Leinwand gemeinsam mit seinem engagiert "mitziehenden" Orchester diese bewundernswerte Synchronität gestaltete.

Immer schneller wird der vielgestaltige Rhythmus der Stadt, des Films und auch der Musik. Schließlich wird es Abend. Das Leben kommt zur Ruhe. Ein Feuerwerk bringt noch einmal eine letzte Feststimmung. Der monotone Lichtwechsel vom Funkturm beendet diesen Berliner Tag. Auch die Musik verklingt. Die Leinwand bleibt dunkel.

Der Beifall brandet auf, lang anhaltende stehende Ovationen nehmen das Orchester und sein GMD Antony Hermus entgegen. Vor der Pause hatte er in einer sehr emotionalen Ansprache die Notwendigkeit von Kultur überhaupt und für Dessau und die Region deutlich gemacht.