1931 veröffentlichte Generalmajor a.D. Karl Gustav Faelligen den zweiten Band "Das Regiment Anhalt im Weltkriege", in dem er sich mit dem Kriegsverlauf ab 1916 bis zur Rückkehr in die Heimat befasst.

Zerbst l Wenn Karl Gustav Faelligen über den Gefechtsabschnitt bei den Stellungskämpfen nahe Arras schreibt, sie sei "sehr gut ausgebaut", meint der Kommandeur des Anhaltischen Infanterie-Regiments Nr. 93 (vom 4. September 1914 bis 17. Dezember 1917) eigentlich "zu gut". Die Bayern, die vorher dort stationiert waren, haben Gräben und Verbindungswege teilweise gemauert und betoniert. Das habe "bei feindlicher Beschießung eine unangenehme Splitterwirkung", bemängelt Faelligen. Jeder Schritt sei "auf große Entfernungen zu hören". Den Boden mit Sandsäcken zu belegen, helfe nur "unvollkommen".

Den Soldaten gefällt die ruhige Stellung trotzdem. Die Quartiere bieten Kegelbahn und Kantinen. Männer, "die ihr landwirtschaftliches Herz nicht verleugnen können", helfen an Ruhetagen freiwillig bei der Ernte. "Auch auf der gegnerischen Seite war eine an der Somme abgekämpfte Division eingesetzt", erklärt Faelligen die ruhige Stellung. Damit ist es schnell vorbei. Der zweite Einsatz bei der Somme-Schlacht steht bevor. Die Truppe begegnet unterwegs völlig erschöpften Abteilungen, zahllosen Verwundetentransporten und feindlichen Fliegerbombern und "ahnt bereits die Furchtbarkeit der Materialschlacht". Dennoch, betont der Generalmajor, gingen die Soldaten in "musterhafter, wenn auch ernster Stimmung in den Kampf".

Vom 19. September bis 2. Oktober kämpfen sie in der Somme-Schlacht. Am 26. September "hielt das schwere Feuer an und zerschlug alles, was an den vorangegangenen Tagen noch standgehalten hatte", schreibt Faelligen, der sich unter anderem auf Kriegstagebücher und Operationsakten des Regiments und der Bataillone aus dem Reichsarchiv beruft, aber auch auf Beiträge von Kameraden, Aufsätze sowie den Kriegskalender zurückgreift.

Bei den folgenden Stellungskämpfen in Französisch-Flandern zwischen Oktober 1916 und April 1917 waren die Kampf- und Verbindungsgräben "kaum verteidigungsfähig". Aber: "Jeder 93er wusste, was die Stunde forderte und tat sein Bestes". Jede Minute, die nicht für den Postendienst gebraucht wurde, "musste zur Unterhaltung und zum Ausbau der Stellung benutzt werden". Trotzdem verlaufen der Dezember und Januar so ruhig, dass sich das Bataillon bei einem Sportfest auszeichnet, dass das dritte Weihnachtsfest im Felde in gewohnter Weise gefeiert wird, "ohne dass der Feind es störte" und, dass der Geburtstag des Kaisers "durch eine Parade vor dem Divisionskommandeur festlich begangen wurde".

Zur Frühlingsschlacht bei Arras kommen häufiger Gasminen zum Einsatz. Für Faelligen kein Grund zur Besorgnis: "Nur wo aus Ungeschicklichkeit, Nachlässigkeit und Leichtsinn die Masken nicht rechtzeitig aufgesetzt oder vorzeitig abgerissen wurden, sind Erkrankungen eingetreten. Bei überraschend einsetzendem Gasschießen ließen sich Verluste nie ganz vermeiden". Giftgase werden im Laufe des Krieges in immer größeren Umfang eingesetzt. Faelligen berichtet, dass in sogenannten Stinkräumen in jeder Ortsunterkunft sämtliche Masken auf ihre Zuverlässigkeit überprüft werden. In Reaktion auf den wirksamen Schutz kommen Brisanzgranaten zum Einsatz, die die Masken beschädigen können.

So berichtet Faelligen von "wieder recht bedauerlich hohen Opfern an Gastoten und Gaserkrankten" am 26. Mai bei den Stellungskämpfen im Artois. "Die sechs Monate mit ihren schweren, aber erfolgreichen Kämpfen vor Loos werden ein Ruhmesblatt in der Geschichte des anhaltischen Regiments bleiben."

Während in der Champagne die Gefechtslage ruhig ist, wird am 19. August der Geburtstag des Herzogs mit Gottesdienst, Parade und Sportfesten gefeiert. "An solchen Tagen vergaß die Truppe fast den Ernst und die Härte des Kriegslebens. Auf die Stimmung der Leute wirkten sich solche Veranstaltungen wie Wunder aus", schildert der Generalmajor a.D.. Der leichte und bequeme Grabendienst wird im Spätsommer 1917 genutzt, Offiziere und Soldaten auszubilden, beispielsweise am Maschinengewehr 08/15. Im Herbst wird die Truppe nach Flandern verlegt. Schon zu Beginn kann der Divisionskommandeur dem Regiment seine Anerkennung aussprechen: "Das Infanterie-Regiment 93 hat am 1. Oktober zusammen mit Teilen der 19. Reserve-Division durch kraftvollen Angriff einen wichtigen Stellungsteil, der am 26. September verloren gegangen war, den Engländern wieder entrissen und gegen drei schwere Gegenstöße behauptet. Ich bin stolz darauf, ein so tapferes Regiment unter meinen Kameraden zu haben".

Das Gelände ist von Wasserläufen und Kanälen durchzogen, die beim Großkampf im Mai 1917 zerstört wurden. Riesige Wasserlachen machen Feldwege kaum passierbar. "Bei jedem Spatenstich trat Wasser zutage." Statt Gräben zu schaufeln werden Sandsäcke als Schutz gegen Sicht und Splitterwirkung gestapelt. Unterstände werden durch Wellblech ersetzt, das auf Bretter kommt, die über die mit Wasser gefüllten Granattrichtern liegen. Die Kampfweise ist deshalb "tiefer gegliedert und beweglicher". Allerdings ist der Gesundheitszustand im Herbst und Winter 1917/18 "durch die viele Nässe von oben und unten und die mangelhafte Unterbringung der Ruhekompanien nicht günstig". Und bleibt unbefriedigend. Neben Fieber treten verstärkt Hautkrankheiten auf, weil die Männer keine Möglichkeit haben, sich zu waschen.

Auch die immer schlechter werdende wirtschaftliche Lage daheim macht sich bemerkbar. Die "Verpflegung der Armee und ihre Ausrüstung musste aufs Äußerste beschränkt werden", schreibt Faelligen. "Dies und die aus den Angehörigenbriefen sprechende pessimistische Auffassung der Lage in der Heimat drückten auch auf die Stimmung unserer Leute."

Am 11. November 1918 um 10 Uhr erhält das Regiment durch die Division die Nachricht, "dass der Waffenstillstand mit unseren Feinden abgeschlossen sei und 12 Uhr mittags in Kraft trete". Die Nachricht wird "mit einem erleichtertem Aufatmen" aufgenommen. Helle Freude über die "bevorstehende Rückkehr in die Heimat, zurück zu Weib und Kind, in den Schoß der Familie, zu geregelter, nutzbringender Arbeit" bricht aus. Schon am Morgen des 12. November machen sich die Soldaten auf den Rückmarsch. Unter den Klängen des Preußenmarsches wird die deutsche Grenze überschritten.

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