Zerbst l Das Zerbster Heimat- und Schützenfest ist eine Institution. Doch wie lange eigentlich schon? Und zum wievielten Male wird es gefeiert? Hemut Hehne, heimatkundlich äußerst interessierter Zerbster, kann aufklären. Der Veranstaltungsraum im Sparkassengebäude war brechend voll, die Leute mussten umkehren, als Hehne jüngst zum Thema "Als wir das Heimatfest gründeten!" referierte. Um es kurz zu machen: 2013 wäre ein kleines Jubiläum zu feiern gewesen, denn da luden die Zerbster sich und Gäste aus nah und fern zum 60. Mal auf den "Rummel" ein, wie das Fest im Sommer auch gern knapp bezeichnet wird. Doch ebenso traditionell gibt es nur ganz selten Hinweise zum Heimatfest-Alter auf den Programmübersichten.

Die Wurzeln des Volksfestes liegen tiefer - in der Pferdemarktlotterie. Sie wurde 1878 auf den sicherlich schon weit länger existierenden Pferdemarkt "aufgesattelt". Pferde gab es zu gewinnen, als Hauptpreise mit einer zweispännigen Kutsche oder einem eleganten Einspänner, natürlich auch mit komplettem Geschirr. Erfunden hat die Lotterie übrigens Kommissionsrat Hermann Zeidler, der auch die Zerbster Zeitung herausgab.

Hehne ist in seinem Element. Man fühlt sich zurückversetzt in die Aufgeregtheit, als es Pferde zu gewinnen gab oder später durchaus schicke Autos. Man erfährt anhand vieler historischer, häufig aus Privatbesitz stammender Aufnahmen über einstige Gewohnheiten: das Präsentieren der Pferde oder das Besuchen der Gewinnausstellungen beispielsweise. 1931 gab es ein "edles Reitpferd mit vollständigem Sattelzeug" als Prämie. Hauptpreise waren "neun bespannte Ackerwagen mit vollständigem Geschirr" sowie "drei moderne Personen-Autos".

Zum 84. Mal wird es in diesem Jahr das Reit- und Fahrturnier geben. In Zerbst trafen jahrzehntelang die besten Gespannführer und Reiter der näheren Umgebung aufeinander, mancher Jahrgang war zugleich auch Kreis-, Bezirks- oder Landesmeisterschaft. "Das brachte die Leute in den Schlossgarten", unterstrich Hehne anhand einer Aufnahme der Tribüne. Unglaublich eng wars dort, das Interesse groß.

1947 wurde im August die erste Nachkriegsausstellung der heimischen Wirtschaft organisiert. Die Pferdemarktlotterie sollte "Augustlotterie" heißen - was die Zerbster nie annahmen. 1949, im Rahmen der 1000-Jahrfeier der Stadt, dann ein gewaltiges Fest. Daraus entwickelte sich das Heimatfest, anfangs wegen des Termins "Augustfest" genannt. Seit 1998 heißt es nun "Heimat- und Schützenfest".

Der Vortrag war kurzweilig und lebte vom sehr authentischen Erzählen: Hehne kennt sich aus auf dem "Rummel". Irene Stephan, die Vorsitzende des veranstaltenden Heimatvereins, war sehr betrübt, weil selbst 160 Stühle in der Sparkasse nicht ausreichten, die Gäste aufzunehmen. Jetzt wird nach einem Wiederholungs-Termin gesucht. "Wir geben Bescheid", versicherte sie.