Ein Kriegsgefangenenlager und mehrere Lazarette wurden während des Ersten Weltkrieges in Zerbst eingerichtet. Aber wie die Bevölkerung die Zeit zwischen 1914 und 1918 erlebte, dazu gibt es nur wenige Anhaltspunkte. Ursache: Die Quellen fehlen.

Zerbst l Gustav Faelligens Buch "Das Regiment Anhalt im Weltkriege 2. Teil" (Volksstimme berichtete am 1. März) sei auf jeden Fall eine wichtige Quelle, aber zugleich dürfe nicht aus dem Blick geraten, dass Faelligen das Buch als Militär geschrieben habe, betont Heinz-Jürgen Friedrich, der frühere Leiter des Zerbster Museums. Erschienen ist der zweite Teil des "Regiments Anhalt" 1931, schon ein Jahr später wurde Anhalt in Dessau durch einen nationalsozialistischen Reichspräsidenten regiert.

Um Faelligens Buch richtig einzuordnen, sei es wichtig, die Dolchstoßlegende und den Versailler Vertrag, nach dem das Militär in der Weimarer Republik nichts mehr zu sagen hatte, im Bewusstsein zu haben. Und auch an die enorme Entwicklung der Militärtechnik wie beispielsweise Giftgas und Maschinengewehre müsse gedacht werden.

Schon wenige Monate nach Kriegsbeginn am 1. August 1914 war deutlich geworden, dass der Krieg, der schließlich weite Teile der Welt einbezog, angesichts der ungeheuren Anzahl der Toten, des brutalen Einsatzes moderner Kriegstechnik und nicht zuletzt des Leidens der Zivilbevölkerung nicht mehr mit den Kriegen des 19. Jahrhunderts zu vergleichen war.

Das Hurra nach Kriegsbeginn in vielen Städten der beteiligten Länder - Geschichtsbücher schreiben auch von der "Erlösung von der Hochspannung der letzten Vorkriegsmonate" - gab es auch in Zerbst. Davon berichtet beispielsweise die Zerbster Zeitung Anfang August 1914.

Insgesamt sei wenig bekannt, wie es in der Stadt während des Ersten Weltkrieges aussah, erklärt Heinz-Jürgen Friedrich. Aufgrund der Zerstörung des Zerbster Schlosses im April 1945, in dem das Stadtarchiv untergebracht war, haben sich nicht viele Dokumente aus dieser Zeit bewahrt.

Zu den wenigen Anhaltspunkten gehört die "Geschichte der Stadt Zerbst" von Reinhold Specht, die die Stadt 1998 anlässlich ihrer 1050-Jahrfeier veröffentlichte. Geschrieben hatte sie Specht, der unter anderem für das Zerbster Stadtarchiv und das anhaltische Staatsarchiv tätig war, schon viel früher. Eine Veröffentlichung hatte er eigentlich abgelehnt, da es sich bei seiner Geschichte nur um eine Aneinanderreihung von Fakten handele, wie im Vorwort nachzulesen ist. Sein akribisch angelegter Zettelkatalog, den er über den Zweiten Weltkrieg retten konnte, hatte Reinhold Specht in die Lage versetzt, über die Zeit zu schreiben.

Denn: Für die Zeit vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis zum Ende der Weimarer Republik gebe es kein amtliches Aktenmaterial der Stadtverwaltung, kaum mehr Landesakten und kein geschlossenes Zeitungsarchiv, leitet Reinhold Specht in die Zerbster Geschichte von 1914 bis 1932 ein.

Bekannt ist, dass der Mobilmachungsbefehl am 1. August 1914 um 19.30 Uhr in der Zerbster Garnison einging. "Die Nachricht verbreitete sich mit Windeseile in der Stadt." Am 7. August rückte das Zerbster Batallion "in Anwesenheit des Herzogs und zahlreicher Bürgerschaft bei strömenden Regen mit der Eisenbahn" an die Westfront.

Während der ersten Kriegswochen rollten zahlreiche Truppentransporte durch die Stadt, die zum Teil durch das Rote Kreuz auf dem Bahnhof verpflegt wurden. Freiwillige meldeten sich zum Krieg. "Tränen, besorgtes Bangen, Resignation, Ablehnung, aber auch Hurrapatriotismus sah man damals in Zerbst wie anderswo auch", schreibt Reinhold Specht.

Seinen Angaben zufolge wurde in der Stadt nie eine Statistik aufgestellt, wie viele Zerbster Opfer der Erste Weltkrieg forderte: Tote, Verwundete, Schwerkriegsbeschädigte und Vermisste.

Während die Industriebetriebe teilweise in die Kriegswirtschaft einbezogen wurden, mussten Schüler und Lehrer Erntehilfe leisten, Frauen in den Kriegslazaretten beispielsweise im Saal des Gasthofs "Zum Erbprinzen" oder im Hotel "Zum Goldenen Löwen" die Verwundeten pflegen. Auf dem Exerzierplatz wurde ein Kriegsgefangenenlager eingerichtet, das zeitweise bis zu 16 000 Menschen beherbergte.

Reinhold Specht: "Je länger der Krieg dauerte, die Zwangsbewirtschaftung immer mehr Entbehrungen auferlegte, Kohlrüben und Dörrgemüse zur alleinigen Nahrungsquelle wurden, die Zahl der Gefallenen und Kriegsbeschädigten auch in der Stadt mehr und mehr anwuchs, je mehr ältere Männer einberufen und kurzfristig ausgebildet an die Front geschickt wurden, je mehr die Hoffnung auf baldigen Sieg und Friedensschluss ins Wanken geriet, desto mehr machten sich Friedenssehnsucht und antimilitaristische Stimmung bemerkbar, nicht so sehr in der Öffentlichkeit, aber von Mund zu Mund".

Habe der wöchentliche Normalsatz für Brot am 5. Dezember 1916 noch 2100 Gramm betragen, so waren es am 3. Mai 1917 nur noch 1610 Gramm. Im September 1917 machte der Zerbster Magistrat bekannt, dass für zwei Wochen acht Pfund Kartoffeln für Kopf und Woche ausgegeben werden. "Die meist sehr schlechte Qualität der Lebensmittel wurde in diesen Meldungen nicht erwähnt", heißt es in der Geschichte der Kommunistischen Partei Deutschlands im Kreis Zerbst, die 1986 von der SED-Bezirksleitung veröffentlicht worden war. Der Text ist zwar insgesamt sehr ideologisch gefärbt, bezieht sich bei den Zahlen jedoch auf amtliche Meldungen und den Anhalter Staatsanzeiger.

"Wie sich mit Windeseile im August 1914 die Nachricht vom Kriegsausbruch in der Stadt verbreitet hatte, so drangen im November 1918 gleichschnell auch die ersten Berichte von revolutionären Aktionen in Deutschland nach Zerbst und führten in der Stadt zur Bildung eines Arbeiter- und Soldatenrates, der das Rathaus und das Fernsprechamt der Post besetzte und für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Ordnung sorgte, die aber nirgends ernstlich gestört wurde", setzt Reinhold Specht seine Zerbster Geschichtsschreibung fort.

Er war Anfang der 1950er Jahre nach Berlin an das Museum für Deutsche Geschichte gegangen und 1960 verstorben. Auf dem Zerbster Frauentorfriedhof fand er seine letzte Ruhe.