Seit 2006 unterrichtet Marlies Haase an der Kreisvolkshochschule eine "Alpha-Klasse". Längst ist aus dem Analphabeten-Kurs eine feste Gemeinschaft geworden. Jüngst traf sie sich zum "Verkehrsunterricht".

Zerbst l Wenn Erwachsene weder lesen noch schreiben können, helfen sie sich mit Symbolen. Doch spätestens, wenn die Kinder zur Schule gehen, tritt der bis dahin streng kaschierte Mangel offen zutage. Was tun? Mit etwas Mut finden diese Menschen den Weg in die Zerbster Kreisvolkshochschule. Hier unterrichtet die einstige Grundschulleiterin Marlies Haase bereits seit 2006 eine Analphabetenklasse. "Ich verknüpfe das Alphabet mit dem Alltag. Das funktioniert ganz gut und hält die Leute bei der Stange", schmunzelt sie. Längst ist widerlegt, dass Hans nicht lernt, was Hänschen verpasste. "In vielen kleinen Schritten, mit viel Spaß und Ausdauer, lernt die Klasse zu lesen und zu schreiben", ist Frau Haase stolz.

So hat die Klasse bereits zahlreiche Auflüge unternommen. Drei der einstigen Starter sind noch immer in der Klasse. Längst kennen sie sich mit den Buchstaben aus, können eigenständig Behördenschreiben lesen, erfassen und bearbeiten. Doch auf Schritt und Tritt holt sie der Alltag ein. "Wenn wir mal wegfahren, dann ist das immer mit dem Kartenlesen verknüpft. Wie heißt die Straße? Was bedeuten die Verkehrszeichen? Was steht in der Speisekarte? Wie löse ich ein Bahnticket?", zählt die unermüdliche Lehrerin auf.

Dass der Kurs so stabil läuft, ist zum einen der Kreisvolkshochschule zu verdanken, die den Unterricht finanziert. Wenn die Gruppe jedoch etwas unternehmen möchte, ist das eigene Portemonnaie gefragt. Und das ist - keine Frage - nicht prall gefüllt. Doch die Alpha-Klasse hat in Zerbst bereits mehrere Sponsoren gefunden, die zum einen den Mangel der Teilnehmer beseitigen helfen wollen, zum anderen der Lehrerin einfach keinen Wunsch abschlagen können. Das gerade laufende Schulhalbjahr wird vom Lions Club Zerbst mit 500 Euro unterstützt. Nicht zum ersten, und sicher nicht zum letzten Mal.

Im Gegenzug gibt es stets viele Dankesschreiben und Berichte - auch eine Übung der Klasse, die sie gern ausführt. Am vergangenen Freitag allerdings gab es praktischen Unterricht: Anja Grob und Michael Däumich vom Polizeirevier Anhalt-Bitterfeld waren gekommen, um Verkehrsunterricht zu erteilen. Lediglich ein "Schüler" hat einen Führerschein, die anderen sind zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs. Doch auch hier sind Regeln zu beachten. Die wollen erst einmal gelesen und begriffen werden. Einer hat sich gerade ein Mobiltelefon angeschafft. "Na, dann können Sie ja jetzt beim Radfahren immer schön telefonieren, nicht?", fragt Däumich verschmitzt. Aber der Befragte fällt auf den Trick nicht herein. "Telefonieren auf dem Fahrrad? Das geht gar nicht!" Als dann auch noch die gelb-schwarze Marke auf dem technisch perfekten Rad aufgeklebt wird, ist er gewaltig stolz. "Ist schon klar. Man muss sich um seine Sachen kümmern. Und ich kann ja die Regeln lesen und danach handeln."