Die neue Einheitsgemeinde Stadt Zerbst hat ihr erstes Jahr beinahe abgeschlossen. Zum Jahresbeginn 2010 um rund 9 000 auf rund 24 000 Einwohner gewachsen, musste die Stadt verwaltungstechnisch und politisch neu zueinanderfinden. Erfolg war alternativlos Pflicht. Für die Volksstimme sprach Thomas Drechsel mit dem Zerbster Bürgermeister Helmut Behrendt (FDP) über das Jahr 2010 in Zerbst.

Volksstimme: Ist die von Ihnen immer abgelehnte, dann aber verordnete Eingemeindung gelungen?

Helmut Behrendt: Es stimmt, ich hatte stets Vorbehalte gegen diese Eingemeindung aller umliegenden Orte nach Zerbst. Das wurde uns aufgedrängt, das Ganze ist zusammengebastelt. Und nach knapp zwölf Monaten muss ich nun aber sagen, dass die Verwaltungsfusion besser gelang als man anfangs glaubte. Wie gehen die mit uns um? Was wird mit mir? Das waren verständliche Ängste der neu hinzugekommenen Mitarbeiter. Die Verwaltungsfusion war gut vorbereitet, wir haben uns gefunden. Ein glücklicher Moment half dabei: Die wichtige Position des Bau- und Ordnungsdezernenten war genau zum Jahreswechsel 2009/10 frei geworden. Andreas Fischer, der Leiter der einstigen Verwaltung der Gemeinden, konnte sie übernehmen und kann das aufgrund seiner Kenntnisse als Verwaltungsamtsleiter der einstigen Gemeinden auch. Zugleich vertritt er die Ortschaften mit ihren den Zerbstern anfangs unbekannten Sachverhalten recht gut. Und er ist verwaltungstechnisch auf der Höhe. Ich habe somit zwischen den Bereichen der Verwaltung entsprechend der Problemlagen zu vermitteln und achte auf den sozialen Frieden im Hause. So ist die Arbeit für den Zerbster Bürger, egal ob er in der Stadt oder auf dem Dorf wohnt, auch in diesem schwierigen Jahr gut gelungen.

Volksstimme: Hatten sie nicht plötzlich zu viel Personal?

Behrendt: Sicherlich. Jedoch konnten die Überhänge sozial verträglich reguliert werden. Es ist niemandem wegen der Eingemeindung gekündigt worden. Ich sage aber auch, dass dies den Verwaltungsmitarbeitern ein Ansporn sein sollte. In der Wirtschaft läuft es häufig nicht auf diese Art. Wer hier in der Verwaltung angestellt ist, hat Grund zur Dankbarkeit.

Volksstimme: Wie ist die Verwaltung untergebracht?

Behrendt: Rein von den Räumen her sind wir mit dem Rathaus und dem Gebäude Puschkinpromenade 2 ausreichend ausgestattet. Jedoch sind die Räumlichkeiten in der Puschkinpromenade alles andere als günstig strukturiert, und im Kellergeschoss gibt es Feuchtschäden. Die werden gerade beurteilt und schnellstens beseitigt. Wir prüfen darüber hinaus, was man an dieser Immobilie ändern müsste und sollte. Diese Überlegungen schließen auch das völlige Aufgeben dieses Verwaltungsstandortes mit ein.

Volksstimme: Aber das Rathaus allein ist doch zu klein?

Behrendt: Mit Sicherheit. Aber in der Stadt gibt es bekanntlich weitere Gebäude, in denen Verwaltung geschehen könnte. Wir möchten die Untersuchung der Möglichkeiten zum Ende des 1. Quartals 2011 abschließen, dann könnte ich konkreter informieren.

Volksstimme: Sie sind auch für die Ortswehren oberster Dienstherr. Ist die Fusion gelungen?

Behrendt: Die freiwilligen Feuerwehren spielen eine ganz wichtige und unverzichtbare Rolle im Leben aller Ortschaften. Egal, ob kleines Dorf oder die Stadt Zerbst. Die direkte Bürgermeister-Verantwortung ist dem Ordnungsdezernenten Andreas Fischer übertragen. Er weiß zu dem Thema bestens über die Belange der ehemaligen Gemeindewehren Bescheid, und die der Stadt Zerbst sind mit dem als Stadtwehrleiter bestätigten Jürgen Dornblut ebenfalls in die Arbeit 2010 eingeflossen. Ausschließlich für die Feuerwehr-Belange haben wir zudem mit Thomas Sanftenberg einen direkten Ansprechpartner in der Stadtverwaltung eingerichtet. Ich habe es vor allem mit den Wünschen und Erfordernissen bei der Sachausstattung zu tun. Hier muss man ganz klar sehen, dass nicht alle Wünsche, die es sicherlich schon länger gibt und die nicht zuletzt bislang unerfüllt blieben, nun innerhalb eines Jahres erfüllt werden können. Unterm Strich stelle ich fest, dass die Wehren ordentlich ausgestattet sind, dass die Strukturen stehen und ordentlich funktionieren, und dass zum anderen der erhebliche Unterhaltungsaufwand für die Feuerwehren geleistet werden kann.

Volksstimme: Die Feuerwehren sind also in der neuen Stadt Zerbst angekommen. Die Ortschaftsräte auch?

Behrendt: Die Ortsbürgermeister zeigen ein relativ hohes Verständnis dafür, dass sie nicht mehr selbst entscheiden. Man versteht das Prinzip des Verschiebens einzelner Maßnahmen zu Gunsten der Konzentration der Mittel an anderer Stelle. Es reift ein Verständnis, dass die bislang der Gemeinde zugekommenen Steuereinnahmen im Topf der Stadt landen und von dort nicht auf den Cent genau in das einzelne Dorf fließen. Vor allem die nach Steuereinnahmen stärkeren Orte, wie Lindau oder Güterglück, werden immer auf ihre Möglichkeiten innerhalb der Stadt hingewiesen. Wir wollten alle unabhängig bleiben, was nicht ging. Also müssen wir jetzt gemeinsam da durch. Wichtig ist, miteinander zu reden.

Volksstimme: Also alles bestens?

Behrendt: Was die Menschen angeht, denke ich schon. Doch die Fusion hat nachteilige Konstellationen bewirkt. Zum Beispiel sind die Entscheidungswege jetzt erheblich länger, weil viele Themen vor dem Beschluss im Stadtrat auch durch die Ortschaftsräte müssen. Das macht die Sache sehr zäh. Der Haushalt 2011 beispielsweise ist frühestens im März beschlussreif im Stadtrat. Selbst bei zügiger Genehmigung der Kommunalaufsicht bedeutet das für die geplanten Investitionen, dass die Ausschreibung mitten im Jahr geschieht und somit frühestens im Herbst Baubeginn ist.

Volksstimme: Hat sich die Kommunalpolitik geändert, nachdem der Stadtrat im September um 21 Ortschaftsvertreter auf 49 Mitglieder anwuchs?

H. Behrendt: Es hat sich nichts Negatives entwickelt. Herrn Seidler im Bauausschuss zum Beispiel, da ist neue Bewegung entstanden. Ich glaube, dass sich die Entsendeten gern mit der Kernstadt identifizieren, dass sie ein wenig stolz sind, im Stadtrat dabeizusein. Das ist sehr zu begrüßen. Zum anderen muss man ja auch sehen, dass die eingemeindeten Ortschaften auch kein homogenes Gebilde waren. Die Mehrheiten schwanken, genau wie auch in der Stadt. So haben wir keine Lagerbildung und keine Unterteilung in Stadt und Dorf. Über allem ist ganz wichtig, nichts mit Gewalt durchboxen zu wollen. Weder im Stadtrat noch in der Verwaltung.

Volksstimme: Betrachten Sie bitte das Investitionsverhalten der Stadt im Jahr 2010.

Behrendt: Wir haben ein sehr aktives Schul-, Sport- und Kulturamt. Dies passte zu den Kriterien zur Förderung aus dem Konjunkturpaket II. Wir sind so in der Lage, in das Museum zu investieren, in die Grundschulen und die Kitas. Dies ist 2010 sehr gut gelungen oder steht vor dem Abschluss. Dann war da natürlich in diesem Jahr die Inbetriebnahme des neu gestalteten Marktes. Ich weiß, mancher ist über den Markt nicht froh. Er entspreche nicht dem historischen Vorbild, aber er entspricht den heutigen Erfordernissen. Ganz wichtig ist nun, die Lücken zu schließen. Deshalb habe ich mich persönlich stark gemacht, dass die Stadt der Schenkung des Gebäudes Markt 14 zustimmt. Das und das Nachbargrundstück müssen nun 2011 entwickelt werden.

Volksstimme: Welche Investitionen würden Sie sich ferner wünschen?

Behrendt: Der Markt muss Thema bleiben, muss belebt werden, damit er auf Dauer lebendig ist. Dazu gehört auch die vordere Ecke Markt-Fuhrstraße, wo ein Privat-Investor ein Ärztehaus errichten möchte und die Stadt einen Spielplatz anlegen. Dann soll das Gebiet zwischen Markt und Jüdenstraße möglichst durch einen Bauträger zu einer zentral gelegenen Wohnsiedlung entwickelt werden. Nach dem Beispiel des Wäschkeweges etwa kann ich mir das gut vorstellen. Ganz wesentlich sind für mich weitere Investitionen in St. Nicolai und am Schloss. Wobei St. Nicolai und sein Umfeld die Nummer 1 ist.

Volksstimme: Wenn wir gerade beim Sortieren sind. Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste auszubauende Kreisstraße?

Behrendt: Ganz klar die Kastanienallee. Hier ballen sich viele Probleme. Für auch sehr wichtig, allerdings bei den kommunalen Straßen, halte ich den Neubau der Jannowitzbrücke, gerade für die dortige Industrie und als Entlastung der Bahnübergänge. Der Brückenbau steht für 2012 in der Prioritätenliste. Rund zwei Millionen Euro wird er kosten, davon 521 000 Euro vom Bund, 589 000 Euro vom Land, 736 000 Euro von der Bahn. 154 000 Euro werden wir dazutun müssen. Wie gesagt, erst 2012. Im Jahr 2011 werden wir voraussichtlich rund 30 Millionen Euro im Vermögenshaushalt ausweisen, davon allerdings nur rund fünf Millionen Euro als tatsächliche Investitionen. Mehr geht nicht.

Volksstimme: Wie gestaltet sich der Haushalt 2011 überhaupt?

Behrendt: Schwierig. Doch entgegen der ersten Befürchtungen werden wir ihn im Verwaltungshaushalt wohl doch noch einmal ausgeglichen bekommen, indem wir die Rücklagen zu Hilfe nehmen. Doch die sind dann weg, und 2012 stehen wir dann deutlich absehbar vor einem Defizit, das wir nicht mehr ausgleichen können. Schon deshalb setzen wir den Konsolidierungsweg fort, unter anderem mit einem vorzuschreibenden Personalentwicklungskonzept. Dies ist auch wichtig, da die Verwaltung einen Altersdurchschnitt von knapp 50 Jahren aufweist. Viele Mitarbeiter auf Amtsleiter- oder Sachgebietsleiter-ebene stehen kurz vor dem altersbedingten Ausscheiden, über Neubesetzungen muss nachgedacht werden. Das Personalentwicklungskonzept wird Wege beschreiben, um die Aufgabenerfüllung dauerhaft zu sichern.

Volksstimme: Herr Bürgermeister, was waren für Sie die wichtigsten Ereignisse des Jahres 2010?

Behrendt: Die Einweihung des Denkmals für Katharina II. Ganz klar. Das Thema ist anfangs nicht ernst genommen worden. Jetzt kann die Stadt stolz sein, das Denkmal zu haben! Das ist ein ganz wichtiger Beitrag für die Beziehungen zwischen den Partnerstädten Zerbst und Puschkin, aber auch für die deutsch-russischen Beziehungen. Man muss dem Förderverein danken, der das unverzagt die ganzen Jahre verfolgt hat. All den Ehrenamtlichen und vor allem der aktuellen Vorsitzenden Tetyana Nindel, die mit ihren Beziehungen viel bewegen konnte. Man merkt bereits, dass Leute eigens wegen des Denkmals ganz zielgerichtet nach Zerbst kommen. Ich hoffe, dass sich von dem Denkmal für die Stadt oder vielleicht speziell für den Schlossgarten eine förderliche Entwicklung ableiten lässt. Zu tun gäbe es genug: Marstall, Orangerie, Teehäuschen … Das Thema Denkmal war ein Wagnis. Früher wurden Denkmale aufgestellt, ohne zu fragen. Und nun? Das Denkmal steht, und es gibt nichts Negatives, sondern die Leute finden es gut. Nun müssen wir sehen, wie wir das Umfeld pflegen und gestalten. Abgesehen von der Denkmal-Einweihung war sicherlich das Fläming-Frühlingsfest neben den Kulturfesttagen, neben Spargelfest, Heimatfest, Bollenmarkt und Gfa mein persönlich herausragendes Ereignis im Jahr 2010.