Vor 69 Jahren verwandelte sich die Elbaue von Walternienburg in einen blutigen Kampfplatz. Junge Soldaten gaben im April 1945 ihr Leben für ein Deutschland, das längst dem Untergang geweiht war. Ihrer und all der anderen Kriegsopfer gedachten am Sonnabend Veteranen und Bürger.

Walternienburg l Die Töne des Liedes des "Guten Kameraden" schallen am Sonnabend über den Walternienburger Friedhof. Traurigkeit, Wehmut, Sehnsucht - so viel liegt in der Luft, als etwa 50 Männer und Frauen den Weg zum Reihengrab und Gedenkstein der Opfer des 2. Weltkrieges schreiten. Zwei Kränze werden im Rahmen des Gedenkens an die Ereignisse vom April 1945 abgelegt, als sich Wehrmachtseinheiten mit den vorrückenden Amerikanern der 83. Infanteriedivision letzte erbitterte Kämpfe lieferten. Sie gingen als "Brückenkopf Barby" in die Geschichte ein.

Zum 23. Mal treffen sich die alten Kameraden dieses Jahr. Vor 20 Jahren waren es noch um die 30 Veteranen, die die Treffen besuchten. "Seit Beginn sind etwa 25 Veteranen verstorben", sagt Heinz Reifarth, Ortsbürgermeister von Walternienburg, als die Kameraden nach dem Gedenkgottesdienst in der Festscheune zusammen kommen. Auch in diesem Jahr gedenken die Veteranen verstorbener Kameraden. Unter ihnen ist auch Dr. Oscar Weiss. Der Kamerad aus München war ein besonderes Mitglied der jährlichen Zusammenkunft. Er war es, der die schrecklichen Erlebnisse in einem Buch niederschrieb.

Auch der sonst so präsente Fritz-Alexander Hornhardt ist in diesem Jahr nicht dabei. Er ist verhindert. Er und auch die engagierte ehemalige Schülerin Annemarie Niemann werden in diesem Jahr von der Ortschaft Walternienburg mit einer Ehrung für ihr besonderes Engagement um dieses historische Ereignis bedacht.

Natürlich wird auch wieder "Quartiermeister" Hubert Rose von Heinz Reifarth gedankt. Er ist "mit Leib und Seele" dabei und organisiert Jahr um Jahr das Kameradentreffen, wie er selbst sagt. Er selbst wurde mit 16 Jahren eingezogen, war 18 Tage Soldat und geriet dann in Kriegsgefangenschaft für zweieinhalb Jahre. Auf die Frage, wie das einen Menschen verändert, weiß er keine so rechte Antwort. Wäre der Krieg nicht gekommen, so glaubt er, wäre er auf dem Hof seiner Eltern geblieben. Doch er kennt kein Leben ohne seine Erinnerungen. "Als ich wieder kam, hatten die Russen den Hof leer geräumt", berichtet er.

Seine Erinnerungen, speziell die an die Kriegsgefangenschaft, kommen ihm schwer oder gar nicht über die Lippen. Lange hat er bereits darüber geschwiegen. "Zu DDR-Zeiten war das kein Thema, da waren solche Erinnerungen nicht erwünscht", sagt er. Selbst zu Hause hätte er danach nicht darüber gesprochen. Das tat man nicht. "Ich weiß auch nicht, wo mein Vater war und was er erlebt hatte." Seine Kameraden hatte er aus den Augen verloren. Nur mit zwei oder drei hatte er noch spärlichen Kontakt. "Einmal im Jahr eine Weihnachtskarte - mehr hat man sich nicht getraut."

Dr. Wolfgang Boden weiß wovon Rose spricht. Mit 18 Jahren wurde er damals eingezogen. "Mich hat vor nicht langer Zeit eine Bekannte gefragt, wann und wie wir danach psychologisch betreut wurden. `Bis heute nicht` konnte ich da nur antworten", erzählt er.

Er war drei Jahre in Kriegsgefangenschaft und hat nur in Ausnahmen danach darüber gesprochen. Seiner Frau vertraute er sich an. "Man will nicht mehr daran denken, man versucht es zu verdrängen. Ich glaube, das nennt man immanenten Verdrängungsprozess", versucht er den Zustand zu beschreiben.

Doch wirklich loskommen tut natürlich keiner von den Erinnerungen. Schließlich ist es ein Teil eines jeden Veteranen. Und ein Stück davon hat Wolfgang Boden auch immer aufbewahrt. "Ich sollte eigentlich Flugzeugführer werden, bis 1944 das Benzin ausging. So kam ich zur Infanterie. Aber mein Flugpatent, das hab ich noch. Das habe ich immer gerettet, auch über die Kriegsgefangenschaft hinaus, habe es aber nie jemanden gezeigt."

   

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