Mit mehreren Veranstaltungen gedachten gestern die Zerbster der Zerstörung ihrer Stadt am 16. April 1945 und den vielen Opfern, die der Zweite Weltkrieg forderte. Um 10.20 Uhr wurde auf dem Heidetorfriedhof ein Kranz niedergelegt.

Zerbst l Das Glockenläuten drang gestern Vormittag aus der Stadtmitte auf den Heidetorfriedhof hinüber, kurz bevor sich Bürgermeister Andreas Dittmann an die Teilnehmer des Gedenkens wandte.

In eindringlichen Worten erinnerte er an die Bombardierung der Stadt, die am 16. April 1945 um 10.20 Uhr einsetzte. In den folgenden Stunden verloren hunderte Menschen ihr Leben. Nicht wenige starben noch Wochen oder Monate später an den Folgen. Insgesamt wurden 574 Kinder, Frauen und Männer getötet.

Der Krieg, den Hitler-Deutschland ausgelöst hatte, traf sechs Jahre später in seiner zerstörerischen Form in Zerbst ein.

Mit der Zerstörung von insgesamt 1433 Häusern mit mehr als 4000 Wohnungen verlor Zerbst unwiderruflich bauliche und historische Schätze. Die Ruinen des Schlosses, von St. Nicolai und St. Bartholomäi prägen noch heute das Stadtbild.

Andreas Dittmann betonte zur Kranzniederlegung, dass unter den Opfern den Einheimischen ebenso gedacht werde wie den Flüchtlingen, die in der Stadt Schutz gesucht hatten. "Auf Befehl des SS-Stadtkommandanten zur Festung erklärt, wurde diese Stadt zur tödlichen Falle für Flüchtlinge und Einwohner", sagte der Bürgermeister am Nachmittag zur ökumenischen Gedenkveranstaltung in der St. Trinitatiskirche, die von der evangelischen und katholischen Kirchengemeinde gemeinsam mit der Stadt Zerbst durchgeführt wurde.

Das persönliche Erinnern an das am 16. April 1945 Erlebte werde zunehmend zur Ausnahme. "Wir brauchen jedoch dieses Erinnern." Deshalb richtete der Bürgermeister seine Bitte an die Zeitzeugen, ihr Erinnern nicht spurlos verschwinden zu lassen. "Geben Sie Ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln dieses Wissen mit auf dem Weg. Lassen Sie es Teil unseres aufgeschriebenen Stadtgedächtnisses werden."

Dieses Erinnern sei auch wichtig, um jenen das Handwerk zu legen, die in sogenannten Veteranentreffen, organisiert von Neonazis, ein Zerrbild der Wirklichkeit heraufbeschwörten. Erst im März habe es so ein Treffen in Kämeritz gegeben.

Über Glasnost und Perestroika in der damaligen Sowjetunion und die friedliche Revolution in der DDR kam Andreas Dittmann auf das Gären in der Ukraine zu sprechen: "So wie wir uns angesichts dieser Krisensituation fühlen, müssen sich die Menschen während der Kuba-Krise gefühlt haben. Damals ganz nahe am Rande eines neuen Krieges. Deshalb gehört aus meiner Sicht das Thema Ukraine auch zum Gedenken an den 16. April 1945". Und so soll das Erinnern an den 16. April 1945 als "Appell um verbale Abrüstung, für echte Dialogbereitschaft, für einen Interessensausgleich, für einen Entspannungsprozess, der den Frieden bewahrt, verstanden werden.

Obwohl sie sich vor der Gedenkveranstaltung inhaltlich nicht abgestimmt hatten, kamen die Pfarrer Hartmut Neuhaus und Thomas Meyer zu den identischen Schlussfolgerungen und drückten ihre tiefe Sorge wegen der Entwicklung in der Ukraine aus.

Thomas Meyer erkannte eine klare Verantwortung bei denen, die die friedliche Revolution in der DDR betrieben haben, sich stark für den Frieden in Europa einzusetzen. Er forderte die Zerbster auf, ein Signal in die Welt zu senden, laut und deutlich zu rufen: "Keine Gewalt!".

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