Zerbst | Ostern steht vor der Tür. Doch was ist eigentlich wichtiger, Ostern oder Weihnachten? Darüber hat Volksstimme-Volontärin Franziska Werner mit Pfarrer Albrecht Lindemann gesprochen.

Volksstimme: Was ist wichtiger: Weihnachten oder Ostern?
Albrecht Lindemann: Ostern. Natürlich ist Weihnachten als Fest der Geburt Jesu gewissermaßen die Voraussetzung für Ostern. Trotzdem wird erst mit der Auferstehung deutlich, welch Zuversicht für jeden Menschen in der Botschaft Jesu steckt. Nach ertragenen Schmerzen, Tod und Trauer ist eben nicht Schluss. Gott erweist sich als Freund des Lebens. Als das große Fest der Hoffnung ist Ostern für meinen persönlichen Glauben das wichtigere Fest.

Volksstimme: Was tun Sie, damit die Leute an Ostern in die Kirche kommen?
Albrecht Lindemann: Einladen. Mit den Andachten in der Karwoche, den Gottesdiensten am Gründonnertag und der musikalischen Andacht zur Sterbestunde Jesu am Karfreitag bereiten wir uns vor. In der Osternacht und den Gottesdiensten am Sonntag und am Montag soll dann die Freude über das Licht des Lebens hörbar und spürbar werden. Dafür werden Kirchen geschmückt, Musiken einstudiert, Kuchen gebacken und natürlich auch Predigten geschrieben. Dann bleibt noch: Glocken anwerfen und Türen öffnen.

Volksstimme: Warum wurde Jesus ans Kreuz genagelt?
Albrecht Lindemann: Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten. Weil es machtbewusste Menschen so wollten? Weil er verraten wurde? Weil der Richter keinen Mut hatte? Weil er es ertragen hat, dass man ihn verriet, verspottete, verleumdete. Weil er Gewalt nicht mit Gewalt beantwortet hat. Weil er nicht hassen wollte. Damit wir Mut bekommen, an der Spirale der Gewalt und des Verrates nicht mit zu drehen, auch wenn es schmerzt. Damit Menschen auch in tiefster Verzweiflung und Angst nicht allein sein müssen.

Volksstimme: Die Bibel behauptet, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Glauben Sie das wirklich?
Albrecht Lindemann: Ja. In der Bibel finden wir Berichte von Menschen, die Zeugen dieser Auferstehung waren. Es stehen daneben die Geschichten von den ersten Zweifeln und Fragen. Ich halte es ganz mit Paulus, der es als einer der ersten mit Ihrer Frage zu tun bekam. Er hat das ganz unverblümt auf den Punkt gebracht: Wenn Jesus nicht von den Toten auferstanden ist, dann ist auch der christliche Glaube leer und die Predigt vergeblich. Hofften wir allein in diesem Leben auf Christus, wären wir " die elendesten unter allen Menschen." Weil aber Christus auferstanden ist, so glaube ich, ist der Tod auch für uns überwunden. Es gibt keinen christlichen Glauben ohne Ostern. Die christliche Auferstehungshoffnung birgt aber immer auch ein Geheimnis, etwas, das wir nicht wissen und nicht planen können. Es gibt so viele Dinge, die wir regeln und besorgen müssen, da entspannt es mich ungeheuer, mich bei den letzten Dingen auf etwas verlassen zu dürfen, dessen Wirklichkeit und Bestand nicht von mir abhängen.

Volksstimme: Was entgegnen Sie Menschen, die das nicht glauben können?
Albrecht Lindemann: Nach protestantischem Verständnis ist der Glaube nicht das Ergebnis einer Leistung, hat also nichts mit "können" zu tun. Für mich ist es von Kindheit an normal, im Vertrauen auf Gott zu leben, ebenso normal wie die Situation, damit nicht gerade die Ansichten der großen Mehrheit zu verkörpern. Ich bin dankbar, dass in unserem Land Menschen mit ganz unterschiedlichen Weltsichten miteinander leben können. Ich hoffe allerdings, dass sich auch bei uns wieder mehr Menschen zwischen Alltagssorgen und Unterhaltungsprogrammen mit den Fragen nach dem eigenen Woher und Wohin befassen und sich die Zeit nehmen, das Warum des eigenen Seins zu reflektieren. Wenn jemand für seine Gedanken ein Gegenüber braucht, ein Ohr oder auch einen Konterpart für ein kleines Denksportspiel, ist das eine der schönsten Aufgaben im Pfarrberuf.

Volksstimme: Schokohäschen und Plüschküken gehören für viele zu Ostern dazu. Wie bewerten Sie die Verniedlichung des Festes?
Albrecht Lindemann: Ostern ist ein fröhliches Fest. Was dabei hilft ist gut. Auffällig ist, dass mit sinkender Kinderzahl die Dekoartikel immer bunter und oft albern werden. Richtig niedlich ist das Schokohäschen für mich erst, wenn es sich im Gesicht verteilt hat - allerdings nicht in meinem! Es ist schade, dass in unserer Gesellschaft die Kultur der gemeinsamen Feste nahezu verschwunden ist. Goethe, selbst ein großer Skeptiker, was die Kirchen betraf, wäre vermutlich entsetzt, wie wenig von der Osterfreude in unseren Städten und Dörfern noch zu finden ist. Buntes Gewimmel gibt es allenfalls vor dem Fest beim Supermarkt. Das ist nicht niedlich und liegt nicht an den Plüschküken.

Volksstimme: Was haben Eier und Hasen überhaupt mit der biblischen Ostergeschichte zu tun?
Albrecht Lindemann: Wie bei allen Symbolen gibt es theoretisch begründbare Bedeutungen, die aber dann ins Leere gehen, wenn die Menschen, die sie verwenden, diese nicht kennen oder nicht die Absicht haben, die entsprechende Aussage zu transportieren. Die Antwort müsste also lauten: vermutlich nichts mehr.

 

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