Seit 2002 sind in Zerbst insgesamt 665 Wohnungen zurückgebaut, also abgerissen worden. Ginge es nach Planungen der Bau- und Wohnungsgesellschaft Zerbst (BWZ), sollte dieser Rückbau mit Blick auf die demografische Entwicklung in der Region auch in den kommenden Jahren weiter vorangetrieben werden. Der Bau- und Stadtentwicklungsausschuss sprach sich nun jedoch gegen einen entsprechenden Antrag der BWZ aus.

Zerbst. Vor sieben Jahren kam die Stadt Zerbst mit dem Land Sachsen-Anhalt und der BWZ überein, im Zuge des Stadtumbaus ein gewisses Kontingent an Wohnfläche abzureißen. Der Wegzug vieler Einwohner und der beginnende demografische Wandel hinterließen Leerstand und zwangen zum Handeln. Seitdem folgte der kontinuierliche Abriss zahlreicher Wohnblöcke ab 2004. Letztes Abrissobjekt war der Wohnblock Wegeberg 18 bis 26, der Ende vergangenen Jahres das Abrisskontingent ausschöpfte.

Im September 2010 hat das Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr nach dem weiteren Bedarf an Wohnungsrückbau angefragt. Die BWZ reagierte und meldete weiteren Bedarf, Wohnungen vom Markt zu nehmen und stellte einen entsprechenden Antrag auf Fortschreibung des Stadtentwicklungskonzeptes 2008/2009 (SEK) dahingehend. Aussagen der BWZ zufolge sollen weitere 128 Wohneinheiten abgerissen bzw. teilweise abgerissen werden. So soll die Wolfsbrücke 2 bis 6 mit 32 Wohneinheiten komplett abgerissen werden, ebenso der Block Wegeberg 10 mit 70 Wohneinheiten. Der Teilabriss der Lepser Straße 52 bis 72 umfasst 26 Wohneinheiten.

Die Gründe dafür sind die alt bekannten: Der Wohnungsleerstand wird in Zerbst aufgrund der demografischen Entwicklung auch zukünftig steigen. Trotz bisherigen Abrisses liegt die Leerstandsquote laut Angaben der BWZ bei rund acht Prozent. Ein weiteres Argument besagt, dass Zerbst seit 2002 rund 2000 Einwohner verloren hat. Ausgehend von einer Wohnungsbelegung von zwei bis drei Personen sind mit dem bisherigen Abrisskontingent (siehe Infokasten) erst so viele Wohnungen vom Markt genommen worden, wie Einwohner die Stadt seitdem verlassen haben.

Die Entscheidung, die oben genannten Blöcke abzureißen, richtet sich nach strategischen Gründen wie dem Sanierungsstau, Modernisierungsperspektiven, Lage und Zuschnitt. Zumal der Leerstand in diesem Blöcken mitunter enorm ist. In der Wolfsbrücke beträgt er 59,38 Prozent, in der Lepser Straße 66,67 Prozent und im Wegeberg 10 etwas mehr als 31 Prozent.

"Es überraschte mich auch, dass die Diskussion im Ausschuss so knapp ausfiel", sagt Helmut Seidler, Vorsitzender des Bau- und Stadtentwicklungsausschusses, der nun über diesen Sachverhalt entscheiden musste. Ausschussmitglied Sebastian Siebert ergriff zuerst das Wort und traf mit seiner Meinung die der anderen Ausschussmitglieder: "Wir haben bereits zahlreiche Freiflächen in Zerbst." Über die Planungen in der Lepser Straße könne man vielleicht noch reden, aber einem Abriss im Zentrum der Stadt, in der Wolfsbrücke, kann er nicht unterstützen. "Es gibt doch andere Möglichkeiten, attraktiven Lebensraum zu schaffen", so Siebert.

Auch Seidler ist sich des Leerstandes bewusst. "Aber wo man dann zuschlägt, ist eine andere Sache. Es ist eine unglückliche Situation, dass wir bereits hier und da Freiflächen haben, die wir nicht bebauen können", erklärt Seidler auf Nachfrage.

Einstimmig folgten die Ausschussmitglieder der Beschlussvorlage, dem Antrag nicht zuzustimmen und statt dessen dem Vorschlag der Verwaltung zu folgen. Dieser sieht für die Wolfsbrücke vor, dass entsprechend dem Stadtentwicklungskonzept 2008/2009 das Gebäude mittelfristig saniert und ein Teilrückbau auf zwei bis drei Geschosse erfolgen soll, der dem historischen Maßstab der Breite entspricht. In diesem Fall würden dennoch acht Wohneinheiten vom Markt genommen.

Weiterhin lautet der Vorschlag der Verwaltung für die Lepser Straße: vollständiger Abriss aller 60 Wohnungen mit anschließender Bebauung mit Einfamilienhäusern. Bisher war im SEK die Sanierung der Lepser Straße vorgesehen, die durch Abbruch einzelner Segmente "den Blockcharakter" verlieren sollte.

Im Wegeberg 10 soll das "Haus für ältere Bürger" nach einer entsprechenden Sanierung als Unterbringung für Senioren und Behinderte erhalten bleiben. In diesem Fall würde sich dennoch der Wohnungsbestand um 60 Wohneinheiten reduzieren, da aus den 70 vorhandenen Einraumwohnungen zehn Apartments für zehn bis zwölf Menschen mit Demenz – so steht es im SEK 2008/2009 festgeschrieben – entstehen.

Der Stadtrat wird sich mit diesem Beschluss am 26. Januar befassen.