Zerbst (mla) l In der Rubrik "Heute vor 40 Jahren" berichtete die Zerbster Volksstimme vor kurzem über einen Autofahrer, der zu einer Geldstrafe in Höhe von 500 Mark verurteilt worden war, weil er einen verletzten Schüler nicht ins Krankenhaus gefahren hatte.

Was war geschehen? Das lässt sich mit Hilfe des Volksstimme-Archivs rekonstruieren: Im Sportunterricht brach sich im Dezember 1973 ein Schüler der 2. Oberschule den Arm und musste zur Behandlung in die Poliklinik gebracht werden. Als um 14.04 Uhr von der Schule aus der Notruf 115 des DRK der DDR gewählt wurde, meldete sich niemand. Die Schüler stellten sich an die Güterglücker Straße, um einen Pkw anzuhalten.

Dem Sportlehrer gelang es, einen Autofahrer (dessen komplettes Kennzeichen veröffentlicht wurde) zu stoppen. "Wir haben keine Zeit, wir müssen nach Dessau", lehnten Fahrer und Beifahrer es ab, den Schüler ins Krankenhaus zu bringen.

Um 14.45 Uhr transportierte schließlich ein Barkas-Fahrer den Verletzten zum Arzt. Der Autofahrer, der nach Dessau gefahren war, hatte sich vor dem Kreisgericht zu verantworten und wurde mit einer Geldstraße in Höhe von 500 Mark belegt.

Das sei auch aus heutiger Sicht ein nachvollziehbares Urteil, sagte Oberstaatsanwalt Christian Preissner auf Volksstimme-Anfrage. In einer ähnlichen Situation müsste man heute mit einem vergleichbaren Urteil rechnen. Denn, so lange man sich nicht selbst dabei in Gefahr bringe, sei jeder verpflichtet, Hilfe zu leisten.

In den zurückliegenden zehn Jahren sind bei der Polizei lediglich zwei Fälle von unterlassener Hilfeleistung in Zerbst zur Anzeige gebracht worden. Das teilte Steffen Kind, Pressesprecher der Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Ost in Dessau-Roßlau mit. Da es sich um einen häuslichen Fall und einen Fall handelt, in dem eine Institution involviert war, konnte der Pressesprecher aus Gründen des Datenschutzes nicht näher ins Detail gehen. Nur so viel: 2010 und 2011 wurden die Vorfälle der Polizei bekannt.