Dessau-Roßlau l "Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will" - das hat Wolfgang Borchert (1921 bis 1947) seinem 1947 zunächst als Hörspiel, dann im Theater veröffentlichten Stück "Draußen vor der Tür" in den Untertitel geschrieben. Der Erfolg, den der noch vor der Uraufführung verstorbene Autor nicht erlebte, hat ihm widersprochen.

"Ich halte sehr viel von dem Stück", sagt auch Nele Weber. Sie inszeniert es jetzt für die Studiobühne im Alten Theater des Anhaltischen Theaters Dessau. Premiere ist am Sonnabend, dem 26. April, um 20 Uhr.

Über Hamburg und Berlin nach Dessau ans Theater

Nele Weber (29), die in Düsseldorf lebt, hat "immer schon gern Theater gemacht, gespielt, mit Jugendgruppen auch selbst inszeniert". Schon während des Studiums und dann am Thalia Theater in Hamburg und am Maxim-Gorki-Theater Berlin sammelt sie erste praktische Erfahrungen im professionellen Bereich.

Nach Dessau kommt sie über Dramaturgin Sabeth Braun. "Wir haben am Maxim Gorki zusammen gearbeitet. Sie hat sich meine Arbeiten in Düsseldorf angeschaut", und dann gab es die Frage, ob Nele Weber nicht Lust habe, "Draußen vor der Tür" in Dessau zu inszenieren. "Ich habe es mir noch mal durchgelesen. Mir Gedanken gemacht, ob man etwas damit anfangen kann und dann zugesagt", so die junge Regisseurin.

Für ihre Inszenierung "bleibt die Struktur des Stückes erhalten. Ich habe aber einige Striche gemacht." Von Borchert in acht Tagen geschrieben, sieht Nele Weber es als "universell. Ich glaube, man kann deshalb ein bisschen frecher damit umgehen, darf Dinge beiseitelassen, die sehr moralisch, sehr sentimental sind. Das hat heute keine Wirkung mehr für unsere Zeit. Und einige Dinge haben eine ganz große Kraft für unsere Zeit."

Bei Borchert kommt Kriegsheimkehrer Beckmann aus der Kriegsgefangenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Bei Nele Weber geht es - eher zeitlos - um die Auswirkungen des Krieges auf den Einzelnen. "Es geht um die Frage nach Leben und Tod und den Sinn vom Leben."

Oder auch, so die Regisseurin: "Es geht um den Kriegsheimkehrer, der keinen Halt mehr findet in der Gesellschaftsgruppe, die einfach weiter macht. Und diese Gesellschaftsgruppe hat aber auch keinen Platz für einen Einzelnen, der stehenbleibt und Fragen stellt." Das sei das große Thema, das drin stecke "und für jemanden nach dem Zweiten Weltkrieg genauso gilt wie für jemanden, der vielleicht nach der Finanzkrise keinen Platz mehr findet oder der nach dem Abitur einen Ort sucht, orientierungslos ist."

Viel Orientierungslosigkeit auch in heutiger Zeit zu finden

Patrick Rupar spielt den Dessauer Beckmann. Die "Gruppe" um ihn - Illi Oehlmann, Gerald Fiedler, Marie Ulbricht und Patrick Wudtke - ist ständig auf der Bühne. Ihnen sei er ausgeliefert und sie stellen Beckmanns Traum oder Albtraum her, erläutert die Regisseurin. Das geschieht mit der Musik, die Jan Preißler eigens für die Inszenierung geschaffen hat und die von den Schauspielern live gespielt wird. Aber auch mit technischen Dingen wie Wind- oder Nebelmaschine, Live-Videokamera ...

Die Handlung sei absolut nachvollziehbar, so Nele Weber, die auch aus diesen Gründen den Besuch von "Draußen vor der Tür" in Dessau empfiehlt: "Das lohnt sich einfach. Der Inhalt ist interessant, weil wir auch sehr spielerisch mit den Mitteln des Theaters versuchen, dieses Stück in die Gegenwart zu holen, ohne es in seinem Inhalt, in seiner Herkunft zu verraten."