Abgucken erwünscht!

Abgucken ist normalerweise in der Schule streng verboten. Im Fall der Referenzschulen für das so genannte kollegiale Lernen ist das komplett anders. Seit dem Schuljahr 2012/2013 läuft das Fortbildungsmodell auf Landesebene. Auch in Zerbst können Lehrer aus dem ganzen Bundesland künftig lernen, wie Schüler sich eigenorganisiert einen Teil des Unterrichtsstoffs erarbeiten.

"Peer-teaching" ist die Idee, die hinter dem kollegialen Lernen steckt. Der Begriff kommt aus dem englischen und meint übersetzt etwa "Lernen von Ebenbürtigen".

Zerbster Gymnasiallehrersollen also in Zukunft anderen Lehrern in Sachsen-Anhalt ihre Erfahrungen mit der Wochenplanarbeit ihrer 5. und 6. Klassen in Fortbildungen vermitteln.

Zu Fortbildungen sind Lehrer wie auch andere Berufsgruppen verpflichtet. Am Francisceum werde Rücksicht auf persönliche Vorlieben genommen, die Inhalte der Fortbildungen müssten aber zum Schulkonzept passen, so Direktor Messer.

Sachsen-Anhalt ist das Bundesland mit den meisten Lehrerfortbildungen pro Kopf, informiert Dr. Eisenmann vom LISA. Schlusslicht sei Niedersachsen mit nur rund ein bis zwei Fortbildungen im Jahr pro Lehrer.

Das LISA ist die zuständige Stelle, die Lehreraus- und -fortbildung im Land koordiniert.

520 Lehramtsanwärter gibt es zur Zeit in Sachsen-Anhalt. Ausgebildet werden sie an rund 300 Schulen.

Zerbst l Hans-Henning Messer wirkte stolz. Sein Gymnasium hatte am Dienstag hohen Besuch aus dem Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung Sachsen-Anhalt (LISA) zu Gast. In der Aula spielte ein Schüler ein klassisches Stück am Klavier für Dr. Siegfried Eisenmann, Direktor des LISA, eine andere Schülerin sang dazu.

Auch Bürgermeister Andreas Dittmann war da, dazu eine Vertreterin aus dem Schülerrat, Vertreter des Ganztagsschulverbands Sachsen-Anhalt und der Serviceagentur "Ganztägig lernen", welche eng mit dem Kultusministerium des Landes zusammen arbeitet. Doch wozu die Veranstaltung im festlichen Rahmen?

Grund war die Verleihung des Titels "Referenzschule für kollegiales Lernen" an das Francisceum. An dem Gymnasium erarbeiten sich die Kinder der 5. und 6. Klassen ein Fünftel ihres Unterrichtsstoffs selbstständig, ohne dass ein Fachlehrer dabei ist. Ganztagslehrerin Susanne Schirmer erklärte das Modell: "Regulär gibt es zum Beispiel fünf Stunden Deutschunterricht an weiterführenden Schulen. Unsere Fünft- und Sechstklässler bekommen keine Hausaufgaben auf, müssen dafür aber ihre 5. Stunde in den Hauptfächern in den Nachmittagsstunden selbst organisiert bewältigen."

Damit das auch wirklich funktioniert, erstellen die Schüler im 14-tägigen Voraus Wochenpläne. "Die Schüler wissen, was sie zu tun haben", bekräftigte die Ganztagsschulkoordinatorin Annegret Lange. "Ihre Aufgaben werden kontrolliert. In den betreuten Nachmittagsstunden sollen sich die Kinder gegenseitig helfen, wenn sie etwas nicht verstehen."

Wie das mit dem kollegialen Lernen am Francisceum funktioniert, sollen nun auch andere Lehrer in Fortbildungskursen lernen. Unter dem Titel "Abgucken erwünscht" funktioniert das Gymnasium als so genannte Referenzschule. Bereits im April hatte es die erste Fortbildung gegeben, ihr Titel: "Wochenplanarbeit - Lernen im Gleichschritt - nein, danke!".

Lehrer haben mehr statt weniger Arbeit

Wenn Schüler Unterrichtsstunden ohne einen Fachlehrer und nur mit einer pädagogischen Aufsicht im Raum bestreiten, kann der Gedanke aufkommen, dass das Modell auch dazu dienen könnte, langfristig Lehrkräfte zu sparen. Diese Vermutung räumte Hans-Henning Messer aus dem Weg. Die Aufgaben für die Wochenpläne vorzubereiten, bedeute im Gegenteil einen Mehraufwand für seine Kollegen. "Die Schüler schaffen es erstaunlich gut, sich selbst zu organisieren", so sein Fazit. Das Modell bedeute darum einen Kompetenzgewinn für die Kinder.