Zerbst l Sie gab das perfekte Bild einer lieben Omi ab: Auf der Nase eine Brille mit Goldrand, die Dauerwelle in Form geföhnt, die Handtasche auf dem Schoß. So präsentierte sich die achtzigjährige Helga P. (alle Namen geändert) am vergangenen Dienstag Richter Andreas van Herck im Amtsgericht Zerbst. Dass in ihrer Scheune in Coswig mindestens 1090 Cannabispflanzen gezüchtet wurden, davon will die alte Dame nichts bemerkt haben. Doch dagegen spricht ein Verhörprotokoll der Polizei.

Einer der Hauptangeklagten ist Steven G. Im Angesicht des Richters hielt er den Kopf tief gesenkt, seine Hände lagen gefaltet vor ihm auf dem Tisch. Dem Richter und der Staatsanwaltschaft versuchte er die Gründe für sein kriminelles Handeln darzulegen: "Ich wollte einfach nur weg, nach Norwegen, ein besseres Leben haben, weil mir dieser Staat hier nicht gefällt."

Steven G. ist Anfang 30 und hat zusammen mit seinem etwa gleichaltrigen Freund Patrick M. Cannabis in nicht geringer Menge angebaut. Geplant war, die Ernte zu verkaufen. Was man wissen muss, um Cannabis anzubauen, wusste G. aus dem Internet. Das sei "eigentlich alles ganz einfach", antwortete Kumpel Patrick auf die Nachfrage des Richters. Gemeinsam seien beide schließlich nach Berlin zu einem so genannten Growshop gefahren, um sich das nötige Equipment im Wert von rund 3000 Euro für den Anbau zu besorgen.

"Wir reden hier ja nicht von zwei oder drei Gramm, sondern von einer Riesenmenge." - Richter Andreas van Herck

Doch so einfach, wie beide anfangs dachten, war es dann letzten Ende alles doch nicht. Die Aufzucht der Pflanzen hatte man zunächst in M.s Garage begonnen. Als es dort zu einem Einbruchsversuch kam, wurde das beiden zu heiß. Die Pflanzen sollten schleunigst umziehen. Helga P.s Scheune schien den beiden der perfekte Ort für ihre Cannabiszucht zu sein. 100 Euro Miete wollten sie der Rentnerin, einer Verwandten von Steven G., dafür monatlich zahlen.

Unklar sei zu dem Zeitpunkt noch gewesen, an wen man das gewonnene Marihuana später eigentlich verkaufen würde. "Wir reden hier ja nicht von zwei oder drei Gramm, sondern von einer Riesenmenge", stellte Richter Andreas van Herck fest, "und da hatten sie keine Vorstellungen von einem Absatzmarkt?". Hinweise auf mögliche Abnehmer hatten sich beide im Bekanntenkreis erhofft. Doch dazu sei es gar nicht erst gekommen, denn noch vor der ersten Ernte sei die Plantage aufgeflogen. Ob es sich aber wirklich um den ersten Versuch gehandelt hatte, oder ob die beiden Coswiger schon einmal erfolgreich eine Ernte in Helga P.s Scheune durchgeführt hatten, konnte am Dienstag noch nicht mit letzter Sicherheit geklärt werden. Falls letzteres zutreffend sein sollte, würde sich der Verdacht auf gewerbsmäßigen Handel, welchen die Angeklagten und ihre Verteidiger vehement abstritten, erhärten.

An diesem Punkt kam die achtzigjährige Helga P. wieder ins Spiel: "Vor einer ganzen Weile haben die mal die Pflanzen geerntet und gestern wieder." Das hatte sie der Polizei nach einer Hausdurchsuchung auf ihrem Hof zu Protokoll gegeben. Zu der kam es, als ein Nachbar, ausgerechnet ein Polizist, starken Marihuanageruch in der Gegend wahrnahm. "Das ist alles gelogen, was da drin steht", sagte Helga P. nun.

Nach Schilderungen der beteiligten Polizisten muss sich die Rentnerin bei dem Zugriff auf ihrem Hof äußerst renitent verhalten haben. So soll sie die Beamten wüst beschimpft und sogar einer Polizistin den Finger umgedreht haben, als diese sie daran hindern wollte, das Grundstück zu verlassen. Nachdem sie es nachdrücklich und mehrfach eingefordert hatte, erlaubte man ihr schließlich ein Telefongespräch zu führen: "Die Polizei ist hier, sie haben die ollen Pflanzen alle mitgenommen und den Steven haben sie auch mitgenommen", soll sie laut Protokoll ins Telefon gesagt haben. Am anderen Ende der Leitung hat sich nachweislich der mitangeklagte Patrick M. befunden.

Ob die alte Dame über die Cannabis-Plantage in ihrer Scheune Bescheid gewusst hat, oder ob die beiden Hauptangeklagten nur die Blauäugigkeit der alten Dame ausgenutzt hatten, wie ihr Anwalt behauptete, soll nun im zweiten Anlauf geklärt werden. Auch ist noch offen, ob der Fund möglicherweise in Zusammenhang mit einem noch größeren Fund, der bereits vor einigen Jahren in der selben Nachbarschaft auftauchte, steht. Sachverständige stellten an beiden Anlagen ähnlich aufgebaute Verkabelungen fest.

Hintermänner hätten die beiden Hauptangeklagten laut ihrer Anwälte keine gehabt. Die Staatsanwaltschaft vermutete jedoch mindestens eine weitere Person im Hintergrund, die dabei geholfen haben soll, die elektronischen Schaltkreise auf der Plantage zu installieren.