Zerbst l " Ich brauch` Tapetenwechsel, sprach die Birke, und macht sich in der Dämmerung auf den Weg" sang einst Hildegard Knef. Am Schluss heißt es dann: "...und als Kommode dachte sie (die Birke - d. A.) noch immer, wie schön es doch im Birkenhaine war".

Mit diesem nachdenklichen und tiefsinnigen Lied eröffnete am Sonnabendabend das Duo "ChansonART" das gut besuchte Konzert unter dem Titel "Jeden Tag neu" in der " Destillationshalle" der Essenzen-Fabrik Zerbst.

Unter "ChansonART" aus Magdeburg "verbergen" sich die Sängerin Agnes Bryja und die Pianistin Doreen Pichler, zwei studierte und vor allem exzellente Künstlerinnen ihres jeweiligen Faches. Und - sie machen nichts einfach nach, doubeln nicht schlechthin bekannte Sängerinnen. Ihr Credo ist die Suche nach eigenen Interpretationswegen, nach Individualität. Wiewohl sie sich anregen lassen: vom Flair der 1930er Jahre, von verschiedenen Musikstilen, wie ebenso von bekannten Komponisten, auch Interpretinnen.

Möglich ist diese Neuprägung, weil Agnes Bryja über eine ausdrucksstarke und variable Stimme verfügt, die in allen Lagen sicher agieren kann, die oft schnell wechselnde Gefühlsinhalte und Befindlichkeiten erlebbar "rüberbringt". Und - an Ihrer Seite gibt es mit Doreen Pichler eine aufmerksame und einfühlsame Klavierbegleiterin. Die jedoch auch als begleitende Duett-Sängerin und mit einem melancholischen Lied über "die Liebe und den Regen" als Gesangs- und Klaviersolistin ihr Können präsentierte.

Für ein solches emotionsgeprägtes Konzert ist zudem die liebevoll hergerichtete Räumlichkeit der Essenzen-Fabrik, die eine häuslich-intime Atmosphäre atmet, ein großer Gewinn: die kleine Bühne, ein gut ausgesteuerter Ton und eine den Liedinhalten effektvolle Wirkung gebende Lichtgestaltung ..

Die Themenfülle, die Agnes Bryja, inklusive Zugaben, in 25 verschiedenen Songs, Liedern und Balladen zu einem Art Rahmenthema "Sinn und Un-Sinn des Lebens" bewältigt, war durch weitgespannte Inhalte mit oft überraschend kontrastreichen Übergängen geprägt.

So folgte etwa auf zwei Lieder "Schmelzen Butterblumen?" und "Fragebogen!", die die Knef in ihrem Repertoire hatte, das ungemein lustvolle Günter Neumann-Lied "Ein Neandertaler", dessen männliche Vorzüge Agnes Bryja mit stimmiger Mimik und Gestik lustvoll "ausbreitete".

Mit ihrer wohlklingenden Stimme und Körpersprache haben auch melancholische, selbst melodramatische Texte eine eindrucksvolle Note. Dazu zählten das Marlene-Dietrich-Lied "Mein Mann ist verhindert" (Miss Otis regrets), der Rainer Bielfeldt-Song "Du gehst mir aus dem Sinn" und die sehnsuchtsvolle Ballade "Das Glück kennt nur Minuten, der Rest ist Warteraum".

Zur "Gattung" schwarzer Humor mit Hang zum Makabren, gepaart mit Sprachwitz gehörte "Bidla Buh" von Georg Kreisler, der vom Töten missliebiger Partner erzählt, hier auf zum Tod geweihter Männer umgedichtet.

Vom traurigen Alleinsein erzählt "Ich bin zu müde, um schlafen zu gehen" oder "Wird Herbst da draußen", das mit bewegender Emotionalität vorgetragen wurde. Die Tragik von Fräulein Meier mit ihrer "Akne Vulgaris" wurde von der "Kleptomanin" kontrastiert. "So oder so" schrieb Bosse mit dem Fazit: "Du musst Dich entscheiden!"

Ein Stimmungshoch gab es noch einmal bei den Zugabetiteln "Für mich soll`s rote Rosen regnen", die Story von der "Schnecke, die stets in Eile ist" und die melancholische "Rinnsteinprinzessin" von Edith Jeske.

Durchweg viel Beifall gab es. Und ein Dankeschön von den Künstlern für die aufmerksame und liebevolle Betreuung vom Team um Stephanie und Fritz Kölling von dem Verein "Essenzen-Fabrik".