Über die Naumburger Ausstellung "Glanzlichter" besteht für die Kirche St. Marien im Ankuhn die Möglichkeit, die Glasfenster durch die Berliner Künstlerin Marie-Luise Dähne neu gestalten zu lassen. Zu Christi Himmelfahrt stellte sie ihre Entwürfe vor.

Zerbst l Holger Brülls erklomm einen Stuhl. Marie-Luise Dähne schob das Sitzkissen der Kirchenbank beiseite, bevor sie sich darauf stellte. Hinter ihnen standen die Gottesdienstbesucher und schauten nach oben, wo Brülls und Dähne vor der Stahlglaswand St. Mariens Probefenster ins Licht hielten. Während der Vorstellung der Entwürfe hatten Scheinwerfer den Lichteinfall simuliert.

Für Marie-Luise Dähne war dieser Moment ein ganz wichtiger. Sie konnte zum ersten Mal Farben und Formen ihres Entwurfs dort auf sich wirken lassen, wo sie einmal zur Ausgestaltung des Gotteshauses beitragen sollen. "Manches sieht man erst, wenn man es ausprobiert", wandte sie sich an die Zuschauer. Eigentlich waren Gottesdienst und Vorstellung der Kirchenfenster offiziell vorbei und der Bockwurst-Stand eröffnet, aber noch drängte es niemanden aus der Kirche.

Insgesamt war Marie-Luise Dähne "angetan" von ihren Entwürfen und deren Wirkung in St. Marien, aber sie hatte erst von der Kirchenbank, später aus dem Zuschauerbereich heraus auch erklärt, was ihr noch nicht gefiel. Beispielsweise die Beschaffenheit der "Weißigkeit" im Probefenster für den Chorraum.

Im Frühjahr hatte die Berlinerin, die 1998 erste Arbeiten in Glas fertigte, das erste Mal in der Kirche im Ankuhn gestanden. "Ein außergewöhnlicher Raum", sei damals ihr erster Gedanke gewesen, erzählte sie beim Bockwurstessen im Gemeinderaum. "Ich dachte, dass der Raum eine so edle Ausstrahlung hat, die mit den gelben Fenstern nicht zur Geltung kommt." Sie erkannte die "große Herausforderung", die in der Neugestaltung steckt.

Mit ihr nach Zerbst gekommen war Holger Brülls, der die Ausstellung "Glanzlichter" in Naumburg leitet. Eines ihrer Ziele ist, moderne Kunst aufs Land zu bringen. Dass Leute, die auf dem Land leben, nichts mit moderner Kunst anfangen könnten oder zu tun haben wollten, sei ein Vorurteil, das überhaupt nicht stimme.

"Der Raum hat eine so edle Ausstrahlung, die mit den gelben Fenstern nicht zur Geltung kommt."

Für St. Marien komme so eine Chance nie wieder, vermutete Holger Brülls. Eine vergleichbare Ausstellung wie "Glanzlichter" habe es zuletzt vor 30 Jahren gegeben. Marie-Luise Dähne ließ alle andere Arbeit liegen, um mit ihren Entwürfen für St. Marien an der Ausstellung teilzunehmen. Das war nicht nur wegen der kurzen Zeit ein ambitioniertes Vorhaben, sondern auch wegen der begrenzten Mittel: Mit wenig etwas zu schaffen, dass eine hohe Wertigkeit ausstrahlt. Aber, räumte die Künstlerin pragmatisch ein, "aus dem Vollen schöpfen kann jeder".

Ob die Entwürfe die gelben Industriefenster ersetzen, ist eine Entscheidung, die die Kirchengemeinde treffen muss. "Formal sehr anspruchsvoll, aber mit einfachen Mitteln umgesetzt", schätzte Holger Brülls die Arbeit ein. Die großen Chorfenster sind mit tanzenden, sich durchdringenden, farbigen Quadraten gestaltet, werden von weißer Fläche und durchsichtigen Linien begleitet. Diese schaffen eine Verbindung zwischen drinnen und draußen, zwischen "geschlossen und trotzdem offen", wie es Marie-Luise Dähne beschrieb. Die Quadrate geben dem Raum eine gewisse Ordnung, schaffen durch ihre Überlagerung aber auch Bewegung. Die kleineren Portalfenster über den Türen sind in kräftigeren Farben und Formen gestaltet, um auch hier einen Kontrast, eine Bewegung zwischen der Durchgangszone und der Ruhezone im Kirchenchor herzustellen.