Dieser 20. Januar 2011 ist ein besonderer Tag für Bernd Schumann. Er ist sein 63. Geburtstag zum einen. Aber es ist auch sein letzter Arbeitstag. Der Geschäftsführer der Stadtwerke Zerbst GmbH geht in den Ruhestand. Zumindest offiziell.

Zerbst. Fünf Jahre "Anlauf" hat Bernd Schumann auf diesen 20. Januar genommen. So lange ist vertraglich geregelt, dass mit dem heutigen Geburtstag zugleich aus dem Geschäftsführer der Ruheständler wird. Seit einem halben Jahr hat er seinen Nachfolger Jürgen Konratt eingearbeitet.

Gelegenheit, sich schon vorab zunehmend zurückzuziehen? "So ein Mensch bin ich nicht. Keiner, der die Tage zählt, ein Bandmaß hat. Im Gegenteil. Für mich geht es bis zum letzten Tag. Das war schon in der Armeezeit so", sagt Bernd Schumann im Gespräch am Beginn der allerletzten offiziellen Arbeitswoche. Keiner ist er, der jetzt wirklich einfach loslassen kann. Von "seinen" Stadtwerken, die vom ersten Tag an seit 20 Jahren mit ihm verbunden sind.

"Es ging mit Power los und Schlag auf Schlag weiter"

Bernd Schumann ist Ur-Zerbster, hier geboren, hier zur Schule gegangen, in die Ausbildung auch. Ab 1964 lernt er in der PGH Metag, wird Heizungsmonteur. In der Abendschule holt er das Abitur nach, geht zur Armee und kehrt in die PGH zurück. Nach dem Meisterstudium übernimmt er dort die Lehrausbildung. "Etwa 40 Lehrlinge hatten wir", erzählt er von inzwischen kaum noch vorkommenden Größenordnungen. Der pädagogische Abschluss folgt, dann das Diplom als Ingenieur für Heizungs- und Klimatechnik.

Im 1976 gegründeten Kreisbaubetrieb mit dann viel mehr Gewerken kümmert er sich drei Jahre "um Kader und Bildung", ist danach Betriebsteilleiter, Produktionsingenieur, Produktionsdirektor.

1984 wird Bernd Schumann zur Gebäudewirtschaft delegiert, wird Betriebsteilleiter Wärmeversorgung. "Wir haben das bestehende Wärmenetz in Zerbst ausgebaut", blickt er zurück, zum Beispiel den Markt angeschlossen, die damalige Otto-Grotewohl-Straße. Auch die späteren vier Heizhäuser entstehen in dieser Zeit. "1990 haben wir sie dann wieder abgerissen", so Bernd Schumann zu jenem Jahr, "in dem wir einen Schnitt haben machen müssen". 84 Beschäftigte gab es in den Heizhäusern. "Eine Reihe konnten wir umsetzen, aber etliche mussten wir auch entlassen. Das war nicht einfach", erinnert er die Wendezeit.

Ihm bringt sie die neue Aufgabe, die ihn die vergangenen 20 Jahre in Anspruch nimmt. Aus der heraus er auf seine offene, Herausforderungen nicht scheuende, auch streitbare Bernd-Schumann-Art die Stadt wesentlich mit prägt.

Ende 1990/Anfang 1991 werden die ersten Voraussetzungen geschaffen. Im April 1991 nimmt die neu gegründete Stadtwerke Zerbst GmbH die Arbeit auf. Bernd Schumann ist vom ersten Tag an dabei und wird als Geschäftsführer berufen. Am Ende des selben Jahres ist bereits das erste neue Heizhaus-Gebäude am Boneschen Weg gebaut – da steht die Geschäftsführerposition noch einmal in Frage.

Bei der Stadt stellen sie fest, dass es eine Ausschreibung hätte geben müssen. 20 Bewerber gab es. "Am Ende bin ich übrig geblieben, aber sicher war das nicht und schon schlimm", erzählt Bernd Schumann.

Er kommt zum Heizhaus zurück. Seit 1984 stand der erste Teil bereits am Boneschen Weg, war dann aber nicht mehr ausreichend genug. Weitere Objekte sollten angeschlossen werden, die Polizei, das Gericht ... Mit Mitteln der anzuschließenden Einrichtungen und des "Generalauftraggebers Wohnungsbaus" sollte die zweite Ausbaustufe entstehen. Im Januar 1990 kommt es zum Baustopp, "weil es die Information gab, dass auch die DDR Heizöl erhalten wird". Im März kann Bernd Schumann zur Messe in Hannover bereits Vorverträge für die Lieferung von Ölkesseln nach Zerbst abschließen. Ende des Jahres ist im Heizhaus umgerüstet und mit ABM-Hilfe der alte 70 Meter-Schornstein abgebaut. Für das neue Heizhaus mit vier Kesseln wird ein Kredit aufgenommen, die neuen Wärmetrassen durch die Stadt werden verlegt ... "Wir waren die ersten im damaligen Bezirk Magdeburg, die komplett umgerüstet hatten", sagt der Stadtwerke-Gründungs-Geschäftsführer nicht ohne Stolz.

Es ging "also gleich mit Power los". Und dann "Schlag auf Schlag" weiter.

Vom ehemaligen Gebäudewirtschaftsobjekt auf der Heide ziehen die Stadtwerke in ihren heutigen Sitz an der Dessauer Straße um. Auch da war schon die Gebäudewirtschaft drin. Aber: Grundstücke wurden dazu gekauft. An den Häusern musste viel gemacht werden. "Das war noch einmal eine Herausforderung."

Wie auch die Gründung der Gasstadtwerke Zerbst, die im März 1992 als Tochterunternehmen zur Stadtwerke Zerbst GmbH dazu kommen. Vervollständigt wird der Verbund 1995 durch die Stromversorgung Zerbst GmbH, heute Stromversorgung Zerbst GmbH & Co. KG. Auch die beiden Töchter arbeiten unter der Geschäftsführung von Bernd Schumann. Beim Gas halten die Stadtwerke 51 Prozent der Anteile und 49 die Tüga München. Beim Strom sind 70 Prozent bei den Zerbstern und 30 Prozent bei der Eon Avacon AG.

Erste Aufgabe für die Gasstadtwerke ist die Umstellung von Stadtgas auf Erdgas. "Nach den ersten Prüfungen der Meisterbereiche, ob die Rohre dicht sind, hieß es, wir haben drei Leckstellen. Als dann richtig Druck drauf war, waren es 740", berichtet Bernd Schumann vom "wilden" Beginn. Das sei nicht ohne Fremdfirmen zu lösen gewesen. Auch für die Wohnungsgesellschaften sei die Umstellung teils problematisch gewesen.

"Da ist immer schon auch Herzblut dabei"

Dennoch sei alles schnell gegangen, war 1993 abgeschlossen. "Im Laufe der Jahre haben wird 60 Prozent der Straßenzüge in Zerbst neu verrohrt, alle Stationen erneuert und auch den gesamten Außenring um die Stadt." Vor zwei Jahren ging auf dem Gelände der Firma Ruthe eine Erdgastankstelle in Betrieb.

Nicht geringer fällt die Bilanz in der Stromversorgung aus. "Gegenüber 1995, wo wir etwa 50 Millionen kWh im Jahr geliefert haben, ist es jetzt etwa die doppelte Menge", so Bernd Schumann. Eher untypisch und für den Versorger nicht unbedingt nur einfach ist, dass der Versorgungsanteil im Privatsektor von 35 auf 27 Millionen kWh im Jahr gesunken ist, "sich aber der Anteil der Industrie unheimlich entwickelt hat". Normalerweise ist das Verhältnis umgekehrt.

Investitionen, die in die Millionen gehen, sind in die Stromversorgung in Zerbst geflossen. "Da war vorher nicht viel gemacht worden", begründet Bernd Schumann dies. Und mit der Notwendigkeit, eine höhere Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Neue Trafohäuser, neue Schalthäuser – gegenwärtig werden in den Umspannwerken die Trafos erneuert – die Freileitungen im Ankuhn und den Siedlungen, die jetzt alle in der Erde liegen ... "Bevor wir die neue 30 KV-Schaltanlage in der Biaser Straße gebaut haben, haben wir schon immer in Angst gelebt, dass mal was hochgeht", freut sich der scheidende Geschäftsführer, dass die Stadtwerke von Katastrophen verschont geblieben sind.

Zu DDR-Zeiten war das System schon labiler, aber "Zerbst war einige der wenigen Städte, in denen es immer warm war".

Das Blockheizkraftwerk 1997, die Biogasanlage 2008 – Zerbst, meint Bernd Schumann, ist auf dem modernsten Stand dessen, was die Ansprüche der heutigen Versorgungswirtschaft sind.

Was Bernd Schumann tut, dafür lebt er. Herzblut ist immer dabei. Deshalb sind die Stadtwerke auch vielfacher Sponsor und Unterstützer von Kultur und Sport in der Stadt. Darum übernehmen sie 1999 nicht einfach die Zerbster Schwimmhalle und die Betriebsführung beziehungsweise Bewirtschaftung des Freibades, um deren Erhalt zu sichern. Auch hier wird, den jeweiligen finanziellen Möglichkeiten entsprechend, investiert, viel modernisiert. Ein lange geplanter Schritt an der Schwimmhalle kann in diesem Jahr in die Tat umgesetzt werden, die barrierefreie Erreichbarkeit. Innen sind alle Voraussetzungen für Menschen mit Behinderung geschaffen, eine Hebebühne, die am hinteren Eingang angebracht wird, vervollstän- digt die Möglichkeiten der Schwimmhallennutzung.

"Habe mich nie ganz komplett gefühlt"

"Ich bedaure keinen einzigen Schritt", blickt Bernd Schumann auf sein Arbeitsleben und besonders die 20 Jahre Stadtwerke zurück. "Sicher habe ich auch Fehler gemacht, aber das ist der Lauf der Dinge. Details hätte man anders machen können, aber die große Linie, die war in Ordnung", schätzt er ein.

Vielleicht, sagt er, hätten Blockheizkraftwerk und Biogasanlage eher gebaut werden können, haben Erkenntnisprozesse teils lange gedauert. "Möglicherweise hätte ich da 1990 schneller entschieden", aber je älter man wird ..." Ein bisschen Koketterie, ein bisschen Arbeitsauffassung.

Gewünscht hätte sich Bernd Schumann, dass auch die Wasserversorgung bei den Stadtwerken gewesen wäre und vielleicht die Betriebsführung beim Abwasser. "So habe ich mich nie ganz komplett gefühlt. Aber das war eine politische Entscheidung. Ich hätte mich auch nicht gesträubt, wenn auch der Bauhof bei uns gewesen wäre." Letztlich: "Alles, was ich machen wollte, ist so gekommen", so der Familienvater, dessen Sohn als Netzwerkmeister den Namen Schumann weiter im Bestand der Stadtwerke hält.

Wo sieht der bisherige Geschäftsführer das Unternehmen in 20 Jahren? "Mein Wunsch ist, dass die Stadt Eigentümer der Stadtwerke bleibt. Es sind noch genug Aufgaben da, wenn auch manche Anforderung eine andere geworden ist", sagt er. Auch hofft er, dass die Stadt nicht gleich Anteile verkaufe, auch wenn sie mal schwierige Zeiten habe, "sondern eher noch Anteile dazu kauft". Das Stadtwerke-Modell habe in jedem Fall Zukunft.

Dann ist da noch Bernd Schumann, der "Ruheständler". Genug zu tun, meint er, gibt es auf dem eigenen Grundstücke, dem der Eltern, dem des Sohnes. "Ich mache ja alles selber." Zwei, drei Monate im Jahr, denkt der langjährige begeisterte Motorradfahrer, der gern auch mit Wohnmobil und Boot unterwegs ist, könnte er auf Reisen sein. Kroatien ist ein Lieblingsland.

Doch er hat auch noch die Stadtwerke. "Wenn mich Jürgen ruft, bin ich da", sagt er in Richtung seines Nachfolgers, mit dem er "das letzte halbe Jahr prima zusammen gekramt" hat. Einige Projekte, die er angefangen hat, möchte Bernd Schumann aber selbst auch noch weiter betreuen.

Nächster Termin in der Dessauer Straße 76 ist deshalb - der kommende Montag.