Möser/Burg l Das Telefon klingelt häufiger, der Terminkalender ist voller. Steffen Burchhardt aus Möser wurde in der Stichwahl am Sonntag zum neuen Landrat des Jerichower Landes gewählt. Am 11. Juli wird er offiziell in das Amt eingeführt. "Ich werde zeitnah Kontakt mit Herrn Finzelberg aufnehmen. Ein Schaulaufen durch die Verwaltung wird es aber nicht geben. Man wird sich später schon noch kennenlernen", erzählt Burchhardt. Ende Juni wird es mit der Familie noch einmal in den Urlaub gehen - Kraft tanken. "Wir haben jetzt acht bis neun Monate Vollgas gegeben, da braucht es jetzt noch einmal Entspannung auch als Familie, das habe ich meiner Frau versprochen", sagt der 33-Jährige mit einem Lächeln im Gesicht. Vor der neuen Herausforderung hat er Respekt, aber keine Angst. "Wer sich unvorbereitet fühlt, würde nicht in den Urlaub fahren", betont er.

Burchhardt, der seine Kündigung bei der Magdeburger Universität zum Monatsende eingereicht hat, ist bereit für die neue Aufgabe. Dafür will er viel im Gespräch lösen, die Kompetenzen vor Ort nutzen. "Diesen Job kann man sich nicht anlesen. Ich bin kein Experte für Kommunalrecht. Dafür sind die Experten vor Ort da", sagt er. Er teilt aber auch die Meinung, dass die Führungsebene in der Verwaltung zu klein ist. "Wir müssen die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen", sagt der Volkswirt. Wie das geschehen kann, soll in den nächsten Tagen mit den Fraktionen besprochen werden. Dabei gebe es die Möglichkeiten eines Beigeordneten, eines zusätzlichen Vorstandsmitgliedes und/oder eines persönlichen Referenten. "Es wäre eine notwendige Unterstützung. Einige Kreistagsmitglieder haben sich im Vorfeld dazu schon gesprächsbereit gezeigt", macht Burchhardt deutlich.

""Ich bleibe stets ansprechbar für die Leute."

Mit Bürgernähe konnte der Volkswirt im Wahlkampf punkten. "Im Amt wird sich daran auch nichts ändern. Ich bleibe stets ansprechbar für die Leute", betont der 33-Jährige. Dafür schwebt ihm ein einheitliches Portal vor, das den Kummerkasten in den Gemeinden ersetzen soll. Sorgen und Nöte der Bürger sollen so direkt an den entsprechenden Adressaten gelangen. Probleme im Kreis sollen so zentral verwaltet werden. "Bürgerbeteiligung soll keine Floskel sein", betont Burchhardt. Des Weiteren sollen zukünftig die Themen vorher in der Öffentlichkeit diskutiert werden, bevor der Kreistag eine Entscheidung fällt. Als Beispiel nennt er das Verbrennverbot. "Diese Entscheidung ist nie durch den Kreistag gegangen. Hier hätte man die Volksvertreter befragen sollen", stellt der Möseraner klar. Er sieht hier eine fundierte Umweltbilanz für notwendig, um die Problematik noch einmal zu überprüfen. "Natürlich können wir nicht bei jeder Entscheidung die Leute an die Urne, aber wir können alle gewählten Vertreter mit ins Boot holen."

In der Zusammenarbeit mit den Fraktionen und dem Kreistag blickt Burchhardt optimistisch in die Zukunft. "Wir brauchen alle Fraktionen und Akteure, um ein Zusammenspiel im Kreistag hinzubekommen. Persönliche Befindlichkeiten dürfen wir uns nicht erlauben. Dann kann ein Wir-Gefühl entstehen." Parteipolitik will er im Kreistag nicht erleben, dafür lieber lebendige Diskussionen im Vorfeld eines Beschlusses. "Wir brauchen auch immer Leute, die den Finger in die Wunde legen. Die Bevölkerung soll nicht das Gefühl haben, allem wird kommentarlos zugestimmt", betont der 33-Jährige.

Verbrennverbot, Bürgerbeteiligung oder Kreisverwaltung waren keine Themen, die im zukünftigen Leben Burchhardts eine große Rolle spielen sollten. "Die jetzige Entwicklung habe ich so nicht angestrebt", gibt er zu. Aber: "Es hat sich hier und jetzt einfach eine Gelegenheit ergeben, wo man Gestaltungseinfluss bekommt und das in seiner eigenen Umgebung. Das hat einen ungemeinen Reiz ausgelöst", sagt er. Eigentlich war er nach über sechs Jahren Universität auf den Weg in die Wirtschaft, auch eine Zukunft an der Hochschule war vorstellbar und dann gewinnt er die Stichwahl mit fast 70 Prozent der Stimmen. "Jetzt kann ich Dinge bewegen, Impulse setzen."

Dinge bewegen kostet allerdings auch Zeit. Die Veränderungen zum alten Job sind bereits jetzt gegenwärtig. "Meine Frau und ich haben unseren Lebensrhythmus bereits vor vier bis fünf Monaten umgestellt. Sonst haben wir den Tag gemeinsam begonnen und gemeinsam beendet, jetzt müssen wir das besser aufteilen", erklärt der 33-Jährige. Er sei sich definitiv der Verantwortung bewusst, die das neue Amt mit sich bringt. Dabei stärke ihm seine Frau aber den Rücken. Nach sechs Jahren Arbeit an der Universität war es "alles in allem eine Umorganisation, die bereits vollzogen wurde". Nur noch einmal wird er nach Magdeburg zur Universität zurückkehren. Dann wird der diplomierte Volkswirt seine Promotion zum Sozialunternehmertum und Wissens-transfer verteidigen. "Ich werde also nur einen Job ausüben. Die Arbeit an der Uni ist beendet, die Doktorarbeit ist verfasst, hier fehlen nur noch letzte Formalien zur Eröffnung des Promotionsverfahrens", erstickt der 33-Jährige Spekulationen, dass seine Promotion ihn ablenken könnte, im Keim.

Trotz Landratsamt werde er es sich aber nicht nehmen lassen, seinem Sohn beim Fußball zuzugucken. "Zudem werde ich jedes Versprechen halten, was ich meiner Familie gebe." Auch wenn die Zeit, die er gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Kindern verbringt immer weniger werde, erlebe er sie doch intensiver.

Danach ist Steffen Burchhardt schon auf dem Sprung, nächster Termin, doch vorher klingelt das Telefon, seine Frau ist dran.