Zerbst/Köthen l Überforderung, Gewalt, Vernachlässigung, der plötzliche Tod der Erziehungsberechtigten: Immer wieder wird es notwendig, Kinder aus ihren Familien herauszunehmen. "Für uns stellt sich dann in jedem einzelnen Fall die Frage, wo die Kinder am besten aufgehoben sind", betont Sabine Elstermann, Leiterin des Sachgebietes Spezialdienste, dem der Pflegekinderdienst des Landkreises unterstellt ist.

"Diese Kinder tragen einen Rucksack. Den gilt es zu öffnen und mit diesem Rucksack umzugehen", schildert Roswitha Thau, Mitarbeiterin des Pflegekinderdienstes, ihre Erfahrung. Das Schlüsselwort ist Vertrauen. Das A und O sind die notwendigen Fallberatungen, die ab dem Zeitpunkt der Herausnahme notwendig werden.

Die Mitarbeiter des Pflegekinderdienstes und die Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes bilden ein Fallteam, das gemeinsam die Perspektiven des Kindes bespricht und über die optimale Betreuungsform für das Kind berät. "Ein Grundpfeiler ist die Tatsache, ob das Kind eine Bindung eingehen, Vertrauen fassen kann", erklärt Sabine Elstermann. Entscheidet sich das Fallteam für eine Unterbringung des Kindes in einer Pflegefamilie, sind Pflegeeltern und leibliche Eltern gleichermaßen gefordert.

Toleranz notwendig

"Trotz Vollzeitpflege durch die Pflegeeltern bleibt das Sorgerecht meist bei den leiblichen Eltern", erklärt Sabine Elstermann. Die Pflegeeltern müssen somit den Umstand akzeptieren, dass die leiblichen Eltern nicht außen vor bleiben. "Das Ziel ist stets, dass - wenn möglich - die Kinder irgendwann wieder in ihre eigene Familie zurückkommen." Folglich braucht es bei den betreuenden Pflegeeltern eine Toleranz gegenüber den leiblichen Eltern und auch gegenüber deren Wertvorstellungen.

"Es kann für Pflegeeltern schwierig sein, die Beziehung zwischen ihren Pflegekindern und deren leiblichen Eltern zu achten, und sie im Grund auch noch zu fördern", weiß Sabine Elstermann aus vielen Gesprächen mit Pflegeeltern. Letztlich jedoch ist es eine Pflege auf Zeit - und es ist nicht das eigene Kind.

Andererseits braucht es auch die Akzeptanz und Toleranz der leiblichen Eltern im Umgang mit den Pflegeeltern. "Ich ziehe den Hut vor den leiblichen Eltern, die es akzeptieren, dass die Entwicklungsmöglichkeiten ihrer Kinder zumindest für den Moment bei Pflegeeltern besser sind", sagt Sabine Elstermann.

Um diese gegenseitige Toleranz und Akzeptanz zu erreichen, braucht es viele einzelne Gespräche. Offenheit und Ehrlichkeit sind dafür sehr wichtig. Es helfe allen Beteiligten, wenn sowohl die leiblichen Eltern aufzeigen, wo und wann sie ihre Grenzen erreicht sehen. Aber auch die Pflegeeltern sich nicht scheuen, um Hilfe zu bitten.

Eine wichtige Stütze für Pflegeeltern ist seit zwei Jahren die Betreuung durch Pflegeelternberater. Diese speziell ausgebildeten Fachkräfte eines freien, qualifizierten Trägers sind für die direkte und kontinuierliche Begleitung, Beratung und Unterstützung der einzelnen Pflegeeltern zuständig. "Sie sind Ansprechpartner in allen kind- und familienrelevanten Problemen", ergänzt Sabine Elstermann. Auch an den Fall- und Hilfeplanberatungen nehmen sie teil, sind von Beginn an in die einzelnen Fälle involviert.

Umfangreiche Beratung

"Die Pflegeelternberater sind sehr positiv aufgenommen worden. Ihr Einsatz hat spürbar vermieden, dass Pflegeeltern in eine Überforderungssituation geraten." Positiv sei auch, dass die Pflegeelternberater vor Ort sind, die Probleme wie Alltagsstrukturierung, Krisensituationen oder Hilfe im Falle einer Entwicklungsverzögerung beim Pflegekind frühzeitig erkennen und reagieren können.

70 Pflegeeltern berät der Pflegekinderdienst des Landkreises derzeit. "Der Bedarf an weiteren Pflegeeltern ist jedoch ständig da." Eine pädagogische Ausbildung ist keine zwingende Voraussetzung, um Pflegeeltern zu werden. Vielmehr sind Eigenschaften wie Belastbarkeit, Einfühlungsvermögen, Geduld, Toleranz, Kontaktfreudigkeit und Freude am Zusammenleben mit Kindern auf Zeit gefragt. Auch müssen Pflegeeltern nachweisen können, dass sie in stabilen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen leben. "Eigene Kinder im Haushalt sind sehr von Vorteil", betont Roswitha Thau. Dies erleichtere die Integration der Pflegekinder.

Bei Interesse findet mit den Mitarbeiterinnen des Pflegekinderdienstes ein erstes Informationsgespräch statt. Bleibt das Interesse danach bestehen, finden weitere Beratungsgespräche statt sowie Vorbereitungsseminare. "Neben dem Einsatz der Pflegeelternberater gibt es Fortbildungsangebote für die Pflegeeltern sowie die umfangreiche Beratung und Unterstützung durch unser Fachpersonal", betont Sabine Elstermann. Dabei wird auch herausgearbeitet, wo die Pflegeeltern ihre eigenen Grenzen sehen, was sie sich zutrauen im Umgang mit Pflegekindern.

Der Unterhalt des Pflegekindes wird durch das Jugendamt sichergestellt und die Pflegeeltern erhalten zusätzlich eine Erziehungspauschale.

"Wichtig ist zudem, dass Pflegeeltern ihr eigenes Umfeld über ihre Aufgabe informieren und offen damit umgehen", betont Sabine Elstermann. Schließlich leben die Pflegekinder rund um die Uhr bei den Pflegeeltern. "Sie sind Teil der Familie. Zwar auf Zeit, aber ein großer Prozentsatz der Pflegekinder lebt dauerhaft bei den Pflegeeltern."

Letztlich steht stets das Wohl des Kindes im Vordergrund. Und, dass sich der Rucksack für sie etwas leichter tragen lässt.