Zerbst l Es beginnt am Taufbecken. Pfarrer Thomas Meyer verteilt Seile. Und erklärt den Sinn der Taufe. "Eltern suchen Hilfe und Unterstützung, suchen Schutz für ihr Kind. Deshalb die Taufpaten für das hiesige Leben, deshalb das Bekenntnis zum christlichen Glauben. Und dann verlassen sie sich auf die Bekenntnisse." Als die Frauen und Männer der Gruppe an einem gemeinsamen, um das Taufbecken verlaufenden Seil eingeklinkt sind und sich stehend zurücklehnen, spüren sie den Halt, den der jeweilige Gegenüber gibt. Die erste Übung "Getragen wagen" mündet in einen Erfolg.

Seit einer Woche können Gruppen das Hochseilgarten-Projekt in St. Trinitatis nutzen, um ihr Vertrauenspotenzial zu erweitern. Hilfestellung gibt neben Pfarrer Meyer vor allem auch Uwe Kretschmann. Der ausgebildete Kletter-Lehrer prüft jeden Haken und jeden Gurt, ehe der Teilnehmer in die Seile darf. Der Weg hinauf wird - natürlich - abgesichert. Die Gruppe bestimmt, wer unter ihnen das Sicherheitsseil führt. In etwa fünf Metern Höhe, immer zweifach abgesichert, muss dann jeder vor allem sich, seinen Augen, Füßen und Armen vertrauen, um durch die Seile und über einen an Seilen hängenden Schwebebalken durch den Parcours zurück zum Anfang zu finden.

Thomas Meyer ist "überaus zufrieden" mit der ersten Projektwoche. Mehr als 30 Gruppen haben sich für die Zeit bis zum 17. Juli angemeldet. Der Hochseilgarten in der Zerbster Kirche ist zweifellos eine Attraktion und hat sich herumgesprochen - neben verschiedenen Gruppen aus Zerbst und der näheren Umgebung haben sich auch welche aus Braunschweig, Coswig, Brumby, Calbe/Saale, Roßlau oder sogar aus Senftenberg angemeldet.

So ungewöhnlich der Hochseilgarten sich in St. Trinitatis auf den ersten Blick ausnimmt, so selbstverständlich wird die Aktion, lässt man sich darauf ein. Kirchenarbeit, sagt Meyer, beschränke sich nicht auf den Gottesdienst. "Dieses Projekt ist genau unser Ding. Als wir davon erfuhren, waren wir sofort dabei." Im Landesjugendpfarramt der Ev. Landeskirche Anhalts hatte man von einer Hochseilgarten-Aktion in einer katholischen Kirchgemeinde erfahren. "Dann wurde näher recherchiert, anschließend musste die Ausstattung gefunden und herorganisiert werden", erzählt Meyer. Alles Technische dieses Projektess ist aus Kempten am Bodensee von einem kommerziellen Anbieter ausgeliehen worden. Und mit Uwe Kretschmann hat das Projekt gleich einen eigenen Fachmann: Er ist zum einen Jugendmitarbeiter in der Landeskirche, zum anderen ausgebildeter Kletterer und -Ausbilder. "Es passiert nichts Schlimmes, sondern Überraschendes und Erstaunliches", sagt Meyer. "Hier kann man sich im wörtlichen Sinn einhängen. Es ist ein Selbsttest, wie weit man sich anderen anvertraut." Es sei "die größte Begabung des Menschen, Vertrauen zu entwickeln. Man setzt sich ins Auto und vertraut den Bremsen. Man reicht jemandem die Hand in dem Wissen, dass man gehalten wird."

Das Hochseilgarten-Projekt beginnt zu ebener Erde am Taufstein, und auf dem Kirchenboden endet es auch. Mehrere Stationen sind hier vorbereitet. So können einzelne über Kanthölzer steigen, die von den Gruppenmitgliedern gehalten werden. "Ich hatte schon Sechstklässler, die haben problemlos einen Zwei-Zentner-Mann getragen", berichtet Kretschmann.

Eine Station weiter ist ein "Spinnennetz" gebaut worden. Jedes Gruppenmitglied muss durch eine der Maschen - aber jeweils durch eine andere. So kommt es auf die Gruppe an, festzulegen, wem welche Masche wohl aus eigener Kraft gelingt und wen man hindurchreichen muss. Dieser Prozess, so Mandy Lamprecht, Mitarbeiterin der Landesjugendkirche, fördert und fordert das Team erheblich.

Das konnten die Mitglieder des Zerbster Lions Clubs nach ihrem Projektbesuch in der vorigen Woche nur bestätigen. Als eine der ersten Gruppen war sie in den Seilen - und fand untereinander großes Vertrauen. Noch bis zum 17. Juli ist der Hochseilgarten in St. Trinitatis aufgebaut. Interessierte Gruppen können sich unter (0178/287 91 28) um einen Termin bemühen. Gedacht ist das Angebot für Gruppen von fünf bis 10 Personen, das Mindestalter liegt bei zehn Jahren. Montags bis samstags zwischen 8 und 17 Uhr kann der Hochseilgarten genutzt werden. Die Türen von St. Trinitatis sind übrigens stets offen, so dass auch lediglich Interessierte sehr willkommen sind, einfach mal vorbeizuschauen.