Prächtig muss das Zerbster Rathaus vor dessen Zerstörung im Krieg und dem späteren Abriss einst ausgesehen haben. Zahlreiche Anrufer erkannten die historische Aufnahme und schilderten ihre Erinnerungen.

Zerbst l Gertraud Rawiel aus Zerbst war eine der vielen Anrufer, die das Heimatfotorätsel in dieser Woche erkannt haben: Gesucht war das einstige Zerbster Rathaus.

Doch Gertraud Rawiel war eine ganz besondere Anruferin. Die heute 94-Jährige arbeitete sechs Jahre lang - bis zur Zerstörung des Rathauses 1945 - als Sachbearbeiterin dort. Viele Namen und Behörden kannte sie noch. "Ganz rechts im Rathaus war unten die Stadthauptkasse zu finden", erzählt die Zerbsterin und beginnt eine kleine Führung durch das einstige Gebäude. Darüber hatte Bürgermeister Helmuth Abendroth sein Büro in der zweiten Etage. Wiederum unten im Erdgeschoss war das Stadtbauamt zu finden - mit einem Herrn Mieseler als Stadtbaumeister. In der Mitte des Gebäudes befand sich das Büro von Verwaltungsdirektor Falke, daneben das Rechnungsprüfungsamt und daneben das Standesamt. "Ganz links war die Stadtkämmerei", erzählt Gertraud Rawiel. Theodor Jahr hießt der Kämmerer, "der jede Zahl im Kopf hatte". Wiederum ganz unten war das Versicherungsamt und die Telefonzentrale untergebracht. "Dort saß eine Frau Gottschalk."

Es sei ein wunderschönes Haus gewesen, erinnert sich die 94-Jährige. Sechs Jahre lang ist sie durch das Portal des Rathauses gelaufen. Kam sie mit dem Rad zur Arbeit, schob sie dies durch eine kleine Pforte. Den entscheidenden Bombenangriff im April 1945 erlebte sie in Luso. "Doch zuvor waren wir immer zu viert als Nachtwache eingeteilt", erinnert sie sich. Zu Kriegszeiten war sie als Sachbearbeiterin zudem auf dem Friedhof tätig. "Ich habe dort die Zeit der Beisetzungen erlebt. Es war so traurig."

Doch nicht nur die Schönheit des Rathauses als solche ist ihr in Erinnerung geblieben. Auch die Blumenkästen mit Geranien. "Der Leiter des Liegenschaftsamt, das seinen Sitz im Obstmustergarten hatte, hieß Georg Fischer. Dort sind auch die Blumenkästen, an die sich auch Annemarie Gründer erinnerte, bepflanzt worden.

Bis heute fragte sich Gertraud Rawiel, wieso das Rathaus abgerissen werden musste. "Hätte man es nicht wieder aufbauen können?" Diese Frage müsse man sich stellen.

Erwin Erbe? beschäftigt nicht nur die Frage des Abrisses, sondern auch, wo die prachtvollen Giebel geblieben sind. "Die Aufnahme zeigt die stark in Mitleidschaft gezogene Renaissancefassade des Rathauses." Für ihn sei unerklärlich, dass man eine so wertvolle Fassade nicht gesichert habe. "Stattdessen wurde sie vollständig geschliffen." Den Verantwortlichen für diese Entscheidung sei nicht zu verzeihen.

"Die zum Rathaus zugehörigen Ost- und Westgiebel waren backsteingotische Staffelgiebel", erzählt Erwin Erbe. Die Giebelelemente seien in der Ziegelei Steutz-Steckby gefertigt worden und hatten das Inferno vom 16. April 1945 fast unbeschädigt überstanden. "Diese beiden Giebel wurden vor dem Abbruch des Rathausruine abgetragen", sagt Erbe. Die einzelnen Elemente der Giebel wurden in Holzkisten verpackt, nummeriert und eingelagert. Mit 30 bis 35 Tonnen beziffert Erwin Erbe das Gewicht. Doch, wo sind die Giebel geblieben?

Fragmente der Giebel werden im Museum der Stadt Zerbst ausgestellt, erklärt Museumsleiterin Agnes-Almuth Griesbach. Gleich im Eingangsbereich sind zwei Fragmente zu sehen. Andere Fragmente sind eingelagert.

Auch Heinz-Jürgen Friedrich, ehemaliger Museumsleiter, bestätigt dies. "Die Giebel, oder was von ihnen übrig ist, sind nicht verschollen oder weg. Der Großteil der vorhandenen Fragmente ist nicht ausstellungswürdig und in desolatem Zustand." Die vor dem Abriss abgebauten Giebel wurden zuerst im zweiten Rathausgebäude (neues Haus) eingelagert, bevor deren Odyssee durch Zerbst begann (wir berichten in einer der kommenden Ausgaben ausführlich).

"Das ist das Zerbster Rathaus gewesen. Dort bin ich als Achtjährige häufig in den Bus eingestiegen. Der Busfahrer war nett, hat mich dann immer kostenlos eine Runde vom Markt zum Bahnhof und zurück zum Markt mitgenommen", hat Lisa Winetzka Kindheitserinnerungen an den Zerbster Markt und sein dominantes Rathaus. "Als Kind hatte man ja manchmal auch Langeweile. Wir wohnten in der Nähe, und ich bin gern Bus gefahren", erzählte sie aus der Zeit von 1943/44. Autos habe es ja damals "für normale Leute gar nicht gegeben". Und wenn der Bus grad nicht kam, dann zählte sie die Rathausfenster. "64 Fenster hatte das Rathaus an der Vorderfassade", erinnert sie sich noch heute und, dass in den Fenstern stets Geranien blühten. Und links um die Ecke, da waren die öffentlichen Toiletten, während rechts an der Markt-Ecke damals die Rats- und Stadtapotheke residierte - genau gegenüber der Sparkasse.

Heinz Hochgräf war im Jahre 1938 als Klempnerlehrling auf dem Dach des Rathauses im Einsatz. Die Bleieinfassung musste repariert werden. "Ich kann mich noch erinnern, dass innen ein riesiges Wandbild hing, das den Empfang Luthers durch die Zerbster Stadtväter als Motiv hatte", erzählt der Zerbster. Es sei ein herrliches Bild gewesen.

Ursula Hackemesser aus Zerbst hat ebenfalls beste Erinnerungen an das "schöne Zerbster Rathaus. Wir mussten dort jeden Tag vorbei, es war immer ein Hingucker". Sie findet zwar, dass der heutige Markt "auch ganz nett ist, aber in der DDR-Zeit wurde alles, was noch stand, kaputtgemacht".

Helmut Hehne aus Zerbst verweist beim Betrachten des abgebildeten Fotos auf die beiden Wahlplakate. Seinerzeit wurden am 20. Oktober 1948 Provinzialwahlen durchgeführt. "Wählt Liste 1-SED" steht auf dem zentral und erhöht angebrachten, "Wählt Liste 9" auf dem zweiten. Wer sich hinter Liste 9 verbarg, ist schwer herauszufinden, so Hehne. Aber fest steht: "Die Rathausruine ist in der Zeit Ende 1948/Anfang 1949 abgerissen worden. Auf Videos von der 1000-Jahrfeier 1949 waren nämlich nur noch rund zwei Meter des Gebäudes vorhanden." Er schüttelt nach wie vor den Kopf. "Weshalb bloß wurde das Haus abgerissen? Das wäre schnell wieder aufzubauen gewesen, stand doch noch viel da." Und weshalb damalige Wahlkampf-Strategen Wahlwerbung an einer Ruine befestigten, ist ebenfalls "sehr merkwürdig. Vielleicht waren die allgemeinen Umstände schuld. Aber werbend wirkt das nun gerade nicht."

Einen Kaffeepott hat Gertraud Rawiel gewonnen. Der Preis kann ab Montag in der Redaktion, Alte Brücke 45, abgeholt werden.

 

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