Heute beginnt das neue Ausbildungsjahr. Im Handwerk ist die Stimmung jedoch getrübt. Es fehlt an qualifizierten Bewerbern - und der Trend steigt, bereits abgeschlossene Lehrverträge kurz vor Beginn der Ausbildung zu kündigen.

Zerbst l Unbefriedigend: Mit diesem einen Wort fasst Carmen Bau, Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Anhalt-Bitterfeld, den Start ins neue Ausbildungsjahr zusammen. Etliche Ausbildungsbetriebe in Anhalt-Bitterfeld suchen noch Auszubildende fürs anstehende Lehrjahr. "Und selbst jene Betriebe, die sich frühzeitig um Auszubildende bemüht haben, stehen jetzt ohne da."

Denn der Trend hat sich verstärkt, dass potenzielle Auszubildende Lehrverträge abschließen und diese dann zu Gunsten besserer oder anderer Lehrstellen kurzfristig vor Lehrbeginn kündigen. "Das geschah bei 25 Prozent aller frühzeitig abgeschlossenen Lehrverträge", betont Carmen Bau. Rechtlich sei dies durchaus in Ordnung, doch für die Ausbildungsbetriebe alles andere als gut. "Es hängen Aufwand und auch Kosten daran, einen solchen Lehrvertrag aufzusetzen und zu unterzeichnen." Schlimmer sei jedoch, dass die Ausbildungsbetriebe so kurz vor Beginn des Lehrjahres ohne Auszubildenden da stehen und der Ausbildungsmarkt an qualifizierten Bewerbern "leergefegt" ist.

"Wir müssen lernen, mit dieser Situation umzugehen", sagt Carmen Bau. Zwar sei das Handwerk schon flexibler geworden, auch Schülern eine Chance zu geben, deren Zeugnis nicht so gut ausgefallen ist. Doch könne man nur im begrenzten Maß Kompromisse eingehen. "Wir bilden in teils hochtechnisierten Berufen aus, da müssen gewisse Vorkenntnisse da sein."

Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt ist prekär. Selbst Betriebe, die in den klassischen Hauptberufen wie KfZ-Mechatroniker, Metallbauer, Elektroniker oder Friseur ausbilden, suchen aktuell noch Azubis.

Dazu gehört auch Klaus Partheil. Der Innungsobermeister der Metall-Innung Anhalt-Zerbst hat es in diesem Jahr erstmals nicht geschafft, einen Azubi zu finden. Vier Bewerber gab es, drei erfüllten nicht die Anforderungen und einer entschied sich für eine Ausbildung zum Tischler.

"Vom quantitativen Geburtenknick wussten wir, dass er kommt. Darauf waren wir vorbereitet. Doch nun ist es auch die Qualität der Bewerber, die Wünsche offen lässt."

Hinzu kommt, dass das Handwerk mit Großbetrieben um die Auszubildenden konkurriert. "Wir können da nur mit besseren Rahmenbedingungen punkten. Flexible und individuelle Arbeit, ein kleines Team, flache Hierarchien und das eigene Produkt später auch sehen zu können", nennt Klaus Partheil einige Beispiele. Lehrlinge sind in kleinen und mittelständischen Unternehmen wie seinem häufig von Anfang bis Ende in ein Projekt involviert. "Gerade das macht die Arbeit im Handwerk so spannend."

Die Mitgliedsbetriebe der Metall-Innung wollen auch weiterhin ausbilden. "Ohne Ausbildung geht es einfach nicht." Der freie Lehrplatz in seinem Betrieb lässt sich kompensieren. "Da wir immer ausgebildet haben, ist der Altersdurchschnitt vergleichsweise niedrig und wir haben noch keine akuten Probleme", so Partheil. In anderen Firmen sieht dies heute bereits anders aus.

Mit dem schlechten Ruf der Branche muss die Friseur-Innung Anhalt-Zerbst um Innungsobermeisterin Jutta Tuchen schon länger kämpfen. "Doch mittlerweile fehlen uns die guten Bewerber." Die Einstellung vieler Interessenten für eine Ausbildung sei, "wenig Arbeiten, viel Geld verdienen. Und das gibt es nirgends", betont Jutta Tuchen. Auch sei das Interesse am Beruf kaum vorhanden. "Sie kommen ohne Elan, ohne zu wissen, was den Beruf ausmacht", erzählt sie. Denkbar schlechte Voraussetzung für eine dreijährige Lehre. "Einen Abbrecher im Jahr haben wir eigentlich immer", so Jutta Tuchen. Mitunter wird die Lehre auch wenige Monate vor der Abschlussprüfung hingeschmissen.

Erschwerend kommt bei der Suche von Auszubildenden hinzu, dass der Beruf schlecht bezahlt ist. "Vielleicht hilft der Mindestlohn ja, dass wir wieder die Kehrtwende schaffen, auch wenn ich kein Anhänger des Mindestlohns bin", hofft Jutta Tuchen. Denn einige der sieben Mitgliedsbetriebe bilden aus. "Die letzten Lehrlinge, die wir geprüft haben, waren top. Das stimmt mich optimistisch."

Gisela Achilles, Innungsobermeisterin der KfZ-Innung Anhalt-Zerbst, sind zwei aktuelle Fälle bekannt, in denen kurzfristig die Lehrverträge aufgekündigt wurden. "Einmal kam der Anruf zwei Tage vor Beginn der Ausbildung." Dieses Vorgehen sei doppelt bitter. Die guten Bewerber sind weg vom Markt und anderen Bewerbern, die eine Chance gehabt hätten, hat man zuvor abgesagt. "Das verbreitet Missstimmung", sagt Gisela Achilles.

"Im Großen und Ganzen sind unsere Mitglieder dennoch motiviert, auszubilden. Die Flinte ins Korn zu werfen bringt auch nichts. Wir brauchen Nachfolger." Dennoch sei die Situation unbefriedigend.

Gisela Achilles stellt sich vor allem eine Frage: Klar, es gibt weniger Schulabgänger als in den Jahren zuvor, "aber wo bleiben die denn nur alle? Die können doch nicht alle studieren?"

Vielleicht ja doch. Das Ausbildungsjahr 2014/15 ist das erste, so Carmen Bau, in dem es mehr Studenten als Lehrlinge geben wird. "Das ist das Ergebnis des politischen Willens. Aber es rächt sich, wenn alle Abitur machen und alle studieren sollen", meint Carmen Bau. Am Ende gebe es viele arbeitslose Akademiker und keine Facharbeiter. Wirtschaftliche Probleme werden die Folge sein.

Die Handwerkskammer Halle/Saale hat Strategien entwickelt, Nachwuchs fürs Handwerk zu gewinnen. Eine solche Strategie setzt ganz früh an. Das Handwerk wird nun verstärkt in die Kitas und Grundschulen gehen, um dort frühstmöglich für sich zu werben. Auch die Betriebe müssten sich so weit wie möglich öffnen. "Die klassische Ausbildungsbörse ist ein zu später Ansatz", so Carmen Bau. In der 7. und 8. Klasse haben sich die meisten Schüler schon entschieden. "Natürlich wird es dauern, bis diese Strategien Wirkung zeigen, doch irgendwann muss man ja anfangen."