Ein Handy dürfen die Wandergesellen nicht besitzen, alles funktioniert über persönliche Absprachen, über Mundpropaganda. Wie viele Gesellen zum Steintreffen Anfang September ins Zerbster Schloss kommen, ist deswegen noch offen. Was fest steht: Die Säulen des Treppengeländers sollen neu aufgebaut werden.

Zerbst l Achim ist 26 Jahre alt und trägt täglich einen schwarzen Zylinder auf dem Kopf. Und über seinem Hemd ein krawattenähnlich geflochtenes schwarzes Band mit einer goldenen Nadel. Zum Zeichen der Ehrbarkeit. Achim ist Maurergeselle und seit mehr als zwei Jahren auf Wanderschaft - immer mindestens 50 Kilometer von seinem Heimatort im bayerischen Franken entfernt. Unterwegs hat er Tischlerin Sarah aus Niedersachsen und Steinmetzin Kyrilla aus Brandenburg kennengelernt.

Zusammen organisieren die Drei jetzt ein Steintreffen. "Dafür wird immer eine Baustelle ausgesucht, auf der die Gesellen etwas an die Gesellschaft zurückgeben wollen", erklärt Sarah. Die 24-Jährige ist seit einem Jahr und zehn Monaten auf der Reise. Mindestens drei Jahre und einen Tag muss ein Wandergeselle unterwegs sein - ohne Unterbrechung im heimischen Bett. "Doch die Familie darf unterwegs zu Besuch kommen", ergänzt Steinmetzin Kyrilla.

Geländer wird erneuert

Ihr Handwerk wird Anfang September im Zerbster Schloss besonders gefragt sein. 14 Tage lang nehmen sich die Gesellen Zeit, um das untere Treppengeländer wieder originalgetreu herzustellen. "Da standen früher einmal Steinsäulen mit einer großen Abdeckplatte", zeigt Dirk Herrmann alte Fotos. 16 kleine Säulen waren es insgesamt. Herrmann ist der Vorsitzende vom Schlossförderverein und freut sich über die Idee zum Steintreffen. "Ich war von Anfang an begeistert, mit diesem Auftrag hätten wir nie eine Firma beauftragen können. Dazu fehlt das Geld", erklärt Herrmann.

Den nötigen Sandstein hat der Verein bereits bestellt. Die großen Blöcke sollen kommende Woche geliefert werden. Dann wird die Zerbster Feuerwehr auch die ersten Feldbetten im Schloss abladen. Denn: Wo früher die Bediensteten des Schlosses gewohnt haben, ziehen jetzt vom 1. bis 14. September Wandergesellen aus ganz Deutschland ein. "Wir fühlen uns hier königlich", sagt Sarah und lächelt. Sonst müsse oft nur eine dünne Unterlage unter dem Schlafsack ausreichen.

Der Grund: "Die Reise und Unterkunft dürfen nichts kosten", zählt Maurer Achim zwei der Vorschriften für Wandergesellen auf. Er selbst ist Mitglied der Gesellschaft der rechtschaffenen fremden und einheimischen Maurergesellen. Eine Vereinigung, die die Riten und Bräuche der Wanderschaft pflegt. Als Kyrilla die Vorschrift von der mindestens drei Zentimeter großen Hutkrempe erklärt, guckt sie in Achims Richtung und fragt: "Oder habt ihr da noch eine speziellere Vorschrift?" Der 26-Jährige verneint und schmunzelt dabei: "Alles darf ich nicht verraten." Die Gesellschaft veranstalte auch regelmäßig geheime Treffen. Sarah und Kyrilla hingegen seien "Freireisende".

Was Tischlerin Sarah auf ihrer Reise gelernt hat: "Die Menschheit ist besser als ihr Ruf." Der Einzelne sei eben nett und hilfsbereit. "Schon wenn ich nach dem Weg frage, nehmen sich die Leute immer Zeit." Achim stimmt ihr sofort zu: "Ich habe auf meiner Wanderung fast täglich Hilfe erfahren, und durch solche Baustellen wie im Schloss wollen wir etwas erwidern." Hilfsbereit zeigen sich auch die Zerbster, erklärt Kyrilla. "Supermärkte haben uns schon Hilfe für die Verpflegung zugesichert und der Bürgermeister stellt uns die Duschen in einer Sporthalle zur Verfügung", zählt die Steinmetzin auf. Geschirr und Töpfe will der Zerbster Tom Hebäcker den Gesellen ausleihen.

Wie in einer großen WG

Bis zu 50 Gesellen erwarten die Drei im Zerbster Schloss. "Wie in einer großen Wohngemeinschaft wird dann entschieden, wer kocht und wer wäscht", sagt Sarah. In ihrem rund acht Kilo schweren Wandersack ist nur noch eine weitere Kluft für die Arbeit eng in Tüchern eingerollt. "Wir müssen in der Öffentlichkeit immer unsere Kluft tragen", erklärt Kyrilla. Jedes Handwerk hat seine eigene Farbe. Der Hut ist Pflicht, aber die Form beliebig.

"Deine Klamotten sind deine Wohnung", so Achim. Er hat sich für einen Zylinder entschieden, "weil viele Maurer auf Fotos aus dem 19. Jahrhundert so einen getragen haben". Dass er Maurer werden will, konnte die Verwandtschaft erstmal nicht verstehen. "Meine beiden Onkel haben sich damit den Körper kaputt gemacht." Doch für den Franken gab es keine Alternative. "Der lockere Umgang auf der Baustelle, die Freude der Menschen, für die du ein Haus baust" habe ihn überzeugt. Und auch die Mädels würden immer wieder ein Handwerk lernen. "Man erschafft mit seinen eigenen Händen ein neues Produkt", sagt Sarah. Ein Alltag am Schreibtisch wäre für sie unvorstellbar.

Die Gesellen werden vom 1. bis 14. September vor dem Schloss arbeiten. Alle Interessenten sind eingeladen, dabei zu zu sehen, besonders am Tag des offenen Denkmals. Der findet am Sonntag, 14. September, statt.