Als Ende des 19. Jahrhunderts aus Kinderbeeten umzäunte Familienbeete wurden, begann die Ära Schrebergarten. Ein Dutzend Kleingartenvereine gibt es heute in Zerbst. In der Serie "Hinter`m Gartenzaun" sind Volksstimme-Redakteure unterwegs zwischen den Parzellen. Heute: Am Wasserturm - eine der ältesten Anlagen.

Zerbst l Schnellen Schrittes läuft Jens Heinze den Fußweg zwischen den Parzellen hinunter. Der Boden am Wegrand ist frisch geharkt. Unkraut wächst dort keines. Hier ein Nicken, da ein Handschlag. Man kennt den neuen Vorsitzenden im Zerbster Kleingartenverein Am Wasserturm. Seit einem knappen Jahr besitzt er eine eigene Parzelle im Weizenberge. Und mit 31 Jahren ist er einer der Jüngsten. "Wir wollten für die Kinder einen Platz zum Toben."

Im Hintergrund brummt ein Rasenmäher. Vor dem Vereinsheim haben es sich junge Eltern auf der Terrasse gemütlich gemacht. Gleich daneben sind Schaukel, Wippe und Gummireifen von Kindern belagert. Der zweijährige Aleandro und die zehnjährige Anna-Sophie gehören zu Papa Andy Gast. Der 33-Jährige ist seit acht Jahren Pächter in der Anlage. "Wir sind jeden Tag in den Ferien hier draußen und die Kinder immer an der frischen Luft." Anna-Sophie ist auf jeden Fall schon jetzt Kleingarten-Fan: "Wir ernten alles selbst, am besten schmeckt der Kohlrabi."

Während die Grundschülerin ihren kleinen Bruder auf der Schaukel weiter anschubst, hackt ein paar Meter entfernt Sandra Hinze geduldig Unkraut in ihren neuen Beeten. Erst vor vier Wochen hat die 30-Jährige mit ihrem Partner den Pachtvertrag unterschrieben. Die Zerbsterin lebt in einer Einzimmer-Neubauwohnung ohne Balkon. "Da will man einfach auch mal raus", erklärt die frischgebackene Kleingärtnerin.

"Die Ansprüche sind enorm gestiegen."

Jana Hoffmann, stellv. Vorsitzende

"Was die Zwei in den wenigen Wochen geleistet haben, ist beeindruckend", sagt Jens Heinze anerkennend. Wo vorher nur Unkraut und Gestrüpp stand - so hoch, dass sich Sandra Hinze "dahinter verstecken konnte" - wachsen jetzt die ersten Bohnen- und Erdbeerpflanzen, sind die anderen Beete für das Gemüse und Obst im Frühjahr vorbereitet. Dazwischen: Zwei Apfelbäume, ein Süßkirschen- und ein Birnenbaum. "Die Birnen schmecken schon super, ich habe gerade gekostet", sagt Sandra Hinze und bringt ihre kleine Hacke zurück zur Laube. "Den Bungalow hat meine Mama richtig mit mir geschrubbt", erinnert sie sich. Vor ein paar Wochen noch war die Laube so zugewachsen, dass man gar nichts habe erkennen können.

"So ein Zustand macht es uns schwer, Grundstücke zu verpachten", spricht Jana Hoffmann aus Erfahrung. "Die Ansprüche sind enorm gestiegen, viele erwarten Dusche, Bad und luxuriöse Lauben." Doch ein Großteil der Gartenlauben stände seit DDR-Zeiten auf den Grundstücken, und entspreche eben auch diesem Standard.

Hoffmann ist die stellvertretende Vorsitzende im Verein. 50 von 260 Parzellen stehen derzeit in der Anlage im Weizenberge frei. Und das bedeutet Mehrarbeit für die Pächter. Wenn das Unkraut im Nachbargarten wuchert, steigt auf dem eigenen Grundstück die Unkrautgefahr.

Deswegen gibt es in der Anlage Pflichtstundenverträge und die Option Pflegegärten zu übernehmen. "Wer seine Stunden nicht ableisten kann, der zahlt", fasst Hoffmann zusammen. Erst ab nächstem Jahr besitzt die 44-Jährige ihren eigenen Pachtgarten in der Anlage. Die letzten Jahre hat sie im Garten ihrer Eltern mit angepackt.

"Früher war so ein Garten Mangelware."

Jens Heinze, Vorsitzender

"Die Beete in Schuss zu halten, geht einfach auch auf die Knochen", erklärt Hoffmann. Das sei auch der Grund, warum die meisten Pachtverträge gekündigt werden: Die Älteren schaffen es einfach körperlich nicht mehr. Mehr als die Hälfte der Pächter in der Anlage am Wasserturm seien über 60 Jahre alt. "Früher haben oft die Kinder die Gärten übernommen, aber das ist heute nicht mehr so", weiß Jens Heinze aus Erzählungen seines Schwiegervaters. Auch er ist Pächter in der Anlage. "Sein Garten wurde ihm damals noch zugelost, da waren die Grundstücke wirklich Mangelware."

Schon seit 1904 gibt es die Anlage Am Wasserturm. Die 110-Jahrfeier liegt gerade hinter den Mitgliedern. Doch das nächste Fest seht stets ins Haus. "Wir sind eine feierlustige Anlage, Osterfeuer, Garten- und Herbstfest müssen jedes Jahr sein", sagt Jana Hoffmann. Viele Gäste würden dann auch aus der Stadt dazu stoßen. Wenn es nach Jana Hoffmann ginge, könnten es ruhig noch ein paar mehr Mitglieder aus der Anlage sein. Zusammenhalt ist als Kleingärtner eben alles. "Sind wir im Urlaub, hilft ein anderer selbstverständlich gießen", so Heinze.

   

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