Zerbst l Der geräumige Windfang in der großen Villa - direkt gegenüber dem Zerbster Hauptbahnhof - wirkt herrschaftlich. Der Dielenboden, die bunten Wände und die große Tafel im Esszimmer strahlen Wärme aus. So wie Katharina Hahn. Wenn sie über "ihre Kinder" spricht. Acht junge Menschen nennen sie Mama. Sechs davon sind Pflegekinder, zwei sind die Eigenen.

Seit sieben Jahren leitet Katharina Hahn das Zerbster Kinderdorf-Haus des Albert-Schweitzer-Familienwerkes Sachsen-Anhalt. Das heißt: Sie lebt mit ihrer eigenen Familie in dem Haus und betreut die Pflegekinder rund um die Uhr. "Sie leben wirklich für ihre Arbeit", sagt Landrat Uwe Schulze anerkennend. Das Kinderdorf ist eine seiner Stationen am Mittwoch, um die Arbeit des Familienwerkes kennenzulernen.

Seit sieben Jahren arbeitet Katharina Hahn als Kinderdorf-Mutter. Nur ein Kind hat bisher gewechselt. Jeder der sechs jungen Menschen im Haus braucht besondere Aufmerksamkeit. "Wenn es um Hausaufgaben geht, bin ich froh, dass meine eigene Tochter das ganz allein packt, und ich viel Zeit für die anderen habe", erklärt Hahn.

Zur Seite stehen ihr dann täglich noch drei Erzieher. Insgesamt arbeiten zwischen 350 und 400 Menschen beim Albert-Schweitzer-Familienwerk in Sachsen-Anhalt, die bis zu 750 Kinder in Sachsen-Anhalt betreuen. Eine Entwicklung, die Mitarbeiter der Familienwerke bundesweit beobachten können: Die Verjüngung der Kinder, die sie betreuen. "Es kommen immer öfter Kinder im Grundschulalter zu uns", erklärt Rainer Schnelle vom Geschwister-Scholl-Heim.

Volker Krüger, persönlicher Referent des Landrates, fragt nach den Ursachen dafür. Neue Regelungen und stärkere Kontrollen benennt Geschäftsführer Jürgen Geister. "Früher haben die Kinder oft durchhalten müssen, bis sie sich dann selbst Hilfe suchen konnten."

Hilfe für die ganz Kleinen bis zu den Erwachsenen

Und Hilfe gibt es beim Albert-Schweizer-Familienwerk in allen Formen: Vom Betreuten Wohnen über die Elternhilfe bis hin zur Therapie. Sozialpädagogin Sabine Maschke arbeitet als Therapeutin für das Familienwerk - im Haus direkt neben dem Geschwister-Scholl-Heim. In einem Raum hängt ein großer Boxsack, daneben dicke Kletterseile. Zum Auspowern. Eine Etage darüber wird entspannt - mit Hilfe von Ballbecken und Sternenhimmel.

"Viele Kinder sind schon in früher Kindheit traumatisiert", erklärt Maschke. Aufgearbeitet wird, was in so frühen Jahren möglich ist. "Ganz wichtig ist uns Transparenz." Der Grund: Die Kinder würden oft die Schuld bei sich suchen. "Sie denken sie müssen ins Heim, weil sie böse waren", spricht die Pädagogin aus Erfahrung.

Und versucht den jungen Menschen die Situation zu erklären. "Dabei sehen wir aber die Eltern als Stärke, wir wollen, dass die Kinder die Bindung wahren." Denn sobald die Jugendlichen 18 Jahre alt werden, bliebe ihnen nämlich oft nichts als die Familie.