Willkommenskultur, Neubürger, Heimat: Begriffe, die die Sitzung des Zerbster Sozialausschusses am Dienstagabend prägen. Mitarbeiter der Diakonie bringen das Thema der polnischen Gastarbeiter auf den Tisch. Rund 500 leben derzeit in Zerbst - und sollen mit Frau und Kind integriert werden.

Zerbst l Mitten im Wald hinter Grimme stehen drei große Wohnblöcke. An den zerschlissenen Eingangstüren gibt es keine Klingelschilder. Trotzdem scheint nahezu jede Wohnung vermietet. An den Balkonen hängen Satellitenschüsseln. Eine Katzenleiter führt zum kleinen Spielplatz. Die Geräte sind in die Jahre gekommen. Wo früher mal blaue und gelbe Farbe war, ist heute Rost. Der Parkplatz vor dem Haus - voll belegt. Auch dort hat der Rost bereits an einigen Modellen seine Spuren hinterlassen. Andere sehen aus wie Neuwagen. Was die Fahrzeuge alle gemein haben, ist das polnische Kennzeichen.

Nur eine Reihe Nadelbäume trennt das kleine Wohngebiet von der Einfahrt zum Geflügelschlachthof der Fläminger Entenspezialitäten, ein Wiesenhof-Standort. Rund 135 Mitarbeiter sind dort derzeit beschäftigt. Laut Unternehmen sind 38 Prozent der Belegschaft polnischer Herkunft. Und "erhalten den tariflich vereinbarten Mindestlohn, der sich auf 7,86 Euro die Stunde beläuft", erklärt Sprecherin Maria Große-Böckmann.

Was die Wohnblöcke neben dem Firmengelände betrifft, seien diese nicht von Unternehmen für die Gastarbeiter angemietet. Die Leiharbeiter suchen sich selbst eine Unterkunft in der näheren Umgebung, so Große-Böckmann.

Dass sich diese Wohnungssuche nicht gerade leicht gestaltet, weiß Mario Gabler vom Jugendmigrationsdienst der Diakonie Zerbst. "Die Arbeiter suchen sehr preiswerten Wohnraum und gerade gibt es wenig Leerstand." Gabler und sein Kollege Dietrich Landmann nehmen am Dienstagabend an der Sitzung des Zerbster Sozialausschusses teil. Auch, um auf das Thema polnische Gastarbeiter aufmerksam zu machen. Das Wort "Willkommenskultur" fällt in diesem Zusammenhang immer wieder.

"Die Gastarbeiter sind eine gute Chance für uns, neue Mitbürger zu gewinnen", so Gabler. Denn auch Zerbst mache der Bevölkerungsrückgang zu schaffen. "Wenn wir uns bemühen, fühlen sich die polnischen Schüler hier zuhause, wollen hier bleiben - auch ihre Eltern sollen eine neue Heimat finden", erklärt Gabler. Am wichtigsten sei, dass keine "Subkultur" entsteht. Für Ausschussmitglied Bernd Wesenberg (B90/Grüne) ist darum entscheidend, dass bezahlbarer Wohnraum bereitgestellt wird. Zudem müsse das Sprachangebot dasein, um Deutsch zu lernen.

Diakonie-Mitarbeiter Landmann: "Es zählt nicht nur unsere Erwartungshaltung gegenüber den Zuwanderern, sondern auch wir müssen unseren Beitrag leisten."

Und das macht die Diakonie in Form von unterschiedlichen Angeboten für die Migranten - die Erwachsenen werden beraten, die Jungen sind im Offenen Treff willkommen. Dort wird gespielt, gekocht und gekegelt. Damit die Zuwanderer auch davon erfahren, soll es jetzt einen Flyer auf polnischer Sprache geben und direkt im Einwohnermeldeamt ausgelegt werden.

Die Diakonie-Mitarbeiter gehen von rund 500 Polen aus, die derzeit in Zerbst leben. Und diese Zahl könnte bald steigen. Beim Zerbster Geflügelverarbeiter Allfein Feinkost, auch Mitglied der PHW-Gruppe (Marke Wiesenhof), arbeiten laut Unternehmenssprecherin zurzeit 30 Polen. Mit dem Frische-Werk werden im kommenden Jahr bis zu 50 neue Stellen geschaffen. In Grimme sollen mit dem Ausbau - dessen Antrag gerade läuft - sogar 85 neue Mitarbeiter beschäftigt werden. Woher die kommen, ist noch unklar. Klar ist nach Volksstimme-Informationen nur, dass ein Zerbster Dienstleister regelmäßig in Polen neue Mitarbeiter für den sogenannten "Niedriglohnsektor" in Deutschland wirbt.