Das Ökobarometer 2013 zeigt: Rund 92 Prozent der Befragten bevorzugen regionale Lebensmittel. Aber ist es überhaupt möglich, sich regional zu ernähren? Im Fall Weihnachtsbraten lautet die Antwort Ja. Jeder von Mathias Mösenthins Weihnachtsgänsen stehen auf dem Deetzer Acker mehr als 15 Quadratmeter Platz zu.

Deetz l Mathias Mösenthin pflückt den großen Maiskolben in Schulterhöhe ab, öffnet ihn routiniert und verteilt einzelne Körner auf dem Boden. "Da oben kommen die Gänse auch mit ihren langen Hälsen nicht ran." Zweimal pro Tag fährt der Landwirt raus auf die sechs Hektar große Ackerfläche bei Deetz - um nach den Tieren zu sehen. Das Geschnatter ist schon von weitem zu hören. Mehr als 600 Weihnachtsgänse leben dort. "Es kommt vor, dass mal eine Gans lahmt oder sich im Futtertrog einklemmt", erklärt Mösenthin.

Neben ihm steht die große grüne Futtertonne. Aus den Öffnungen am Boden fällt der selbst geerntete Weizen in die Futterrinne. Dazu steht geschredderter Mais auf dem Speiseplan. "Vielleicht kommt vor dem Schlachten Hafer dazu", ist sich Mösenthin noch nicht sicher. Mitte des Jahres sind die Gänse als Küken zu ihm gekommen. Mit einem halben Jahr sind sie nun bald bereit für den Verkauf.

"Weil das Fleisch fester und sehr schmackhaft ist."

Anfang Dezember wird geschlachtet. Und dann ist der 44-Jährige wieder unterwegs mit seinem Kühltransporter. "Ich muss dahin, wo die Kunden sind." Im ländlichen Raum gebe es eben zu wenig Kaufkraft. Zur Spargel-Saison stehen zehn Verkaufsstände des Landwirtes in der Region. Von Zerbst über Roßlau bis nach Dessau. Einen Hofladen gibt es auch. Auf zehn Hektar baut Mösenthin Spargel an. Seit 2004 liegen auf den Verkaufstresen zudem Flyer für frisch geschlachtete Gänse, Flugenten oder Hähnchen zur Weihnachtszeit aus. Oft sind es die gleichen Kunden, die im Frühjahr den Spargel und im Winter den Weihnachtsbraten kaufen - "weil das Fleisch fester, schmackhaft und der Braten nach dem Backvorgang genauso groß ist wie zu Beginn". Wer nicht schon vorher bestellt hat, kann die Tiere auf Weihnachtsmärkten wie in Magdeburg, Dessau, Halle oder Wittenberg finden.

In Deetz läuft Mösenthin konzentriert den Weidenzaun ab. Einen Kilometer lang ist der Maschendraht, den der Landwirt fest im Boden verankert hat. "Da kommt kein Fuchs durch." Doch die Gefahr für die Tiere lauere auch in der Luft. Wenn der Habicht angreift, würden sich die Gänse allerdings gut zwischen den hohen Maispflanzen verstecken können.

Doch vor Regen und Sturm eben nicht. "Die rauhere Umgebung ist nicht mit einem abgeschlossenen Stall zu vergleichen", beschreibt Mösenthin die Herausforderungen der Freilandhaltung: Der Mast-Zeitraum der Tiere ist länger, da die Zunahme geringer ist. Aus Gründen von Kältestress oder den Angriff von Raubvögeln sei zudem die Ausfallrate höher.

Warum Freilandgeflügel von Mösenthins Hof fünfmal so viel kosten kann, wie Geflügel aus reiner Stallhaltung, hänge vor allem mit der aufwendigen Handarbeit und dem Flächenanspruch zusammen. Zur Vorweihnachtszeit beschäftigt der Bauer sieben Mitarbeiter, zur Spargelsaison sind es 35 Leute und den Rest des Jahres organisiert er den Betrieb allein, mit Hilfe einer Angestellten.

"Freilandhaltung tun sich nicht viele an."

Viel Konkurrenz was Geflügelfreilandhaltung in der Umgebung betrifft, hat Mösenthin nicht. Woran das liegen könnte, erklärt der 44-Jährige: "Der Markt für teuer produziertes Geflügelfleisch ist begrenzt. Die Freilandhaltung und Direktvermarktung mit viel Handarbeit passt nicht zu jedem Betrieb. Das tun sich nicht viele an." Gerade bereitet er die Transportkästen für den Bauernmarkt am Wochenende vor. Sechs Tage in der Woche versorgt er die Tiere und am siebten gehen ein paar Gänse und Flugenten mit auf die Reise. Nur, um auf den Märkten für sich Werbung zu machen. Auf dem Transporter steht groß "Deetzer Freilandgeflügel".

Mathias Mösenthin hat dafür ein Zertifikat: "Bäuerliche Freilandhaltung". Mitarbeiter von Landesverwaltungsamt und Landwirtschaftsministerium haben Fläche, Futter und Schutzmöglichkeiten geprüft. Alles ordnungsgemäß. Jede Gans hat mindestens 15 Quadratmeter zur Verfügung. Das Zertifikat "Bio" ist für den Deetzer keine Option. Denn das würde heißen: Keine Pflanzenschutzmittel, keine Medikamente für erkrankte Tiere, extrem teures Biofutter. Für Mösenthin passte die Freilandhaltung, die Direktvermarktung gut zum Konzept.

Dass andere Artgenossen bei kürzerer Mastdauer in Stallhaltung aufwachsen, verurteilt er nicht. "Die Geflügelstallhaltung hat auch ihre Berechtigung. Viele Menschen sind jedoch inzwischen zu weit weg von der landwirtschaftlichen Produktion, sehr empfindsam und deswegen schnell geschockt."

Mösenthin würde sich freuen, wenn sein dreijähriger Sohn später einmal den Familienbetrieb übernimmt. Doch eines ist schon jetzt klar: "Das geht nur mit Leidenschaft."

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