Auch die dritte und letzte Veranstaltung im Rahmen der Veranstaltungsreihe zum Abzug der Russen vor 20 Jahren aus dem Jerichower Land fand eine große Resonanz. Rund 130 Teilnehmer waren zur Exkursion zur ehemaligen Raketenstellung nach Wendgräben gekommen.

Wendgräben l Sowjetische Atomsprengköpfe in Wendgräben? Vor der Wende, seit 1984? "Es hätte keinen Sinn gemacht, damit auf Flugzeuge zu schießen", sagt Mike Barton. Der Brite ist ehemaliger militärischer Abhörspezialist. In seiner aktiven Zeit war er Angehöriger der britischen Streitkräfte in der The British Commanders`-in-Chief Mission to the Soviet Forces in Germany (BRIXMIS) von Westberlin und hörte den Funkverkehr etwa vom Truppenübungsplatz Altengrabow oder eben von Wendgräben ab, wo jeweils sowjetische Truppen standen.

Der Ex-BRIXMIS-Mann Barton sagt das vor gut 130 Teilnehmern einer Exkursion, die über das Gelände der früheren Luftabwehr-Raketenstation in den Wäldern bei Wendgräben führte. Er hatte schon mit seinen Ausführungen bei der Veranstaltung in Lübars für Verblüffung gesorgt.

Wendgräben wird wichtig mit Umbau der Verteidigung

Die BRIXMIS war die erste der drei westlichen Missionen, die durch ein Abkommen der jeweiligen Oberbefehlshaber General Brian Robertson und Generaloberst Michail Sergejewitsch Malinin am 16. September 1946 zustande kam. Darin räumten sich beide Seiten gegenseitig das Recht ein, einen Missionschef und zehn weitere Offiziere sowie 20 Mannschaftsdienstgrade in der Nähe des Hauptquartiers der jeweils anderen Seite zu stationieren. Diese genossen Bewegungsfreiheit mit einer Beschränkung für vorab mitgeteilte Bereiche.

Weiterhin wurde der ungestörte Nachrichtenverkehr garantiert sowie die Immunität der Gebäude zugesichert. Anfragen zum Besuch des Hauptquartiers oder anderer Militäreinrichtungen der Gastmacht mussten innerhalb von 72 Stunden beantwortet werden. Die Versorgung der Mission musste jeweils von der gastgebenden Seite gewährleistet werden.

Die Hauptaufgabe der Mitarbeiter war zwar die Kommunikation, aber sie konnten auch als Repräsentanten ihrer Staatsbürger innerhalb der Besatzungszone fungieren. Bis Ende der 1950-er Jahre hatte auch die Royal Navy Offiziere in der Verbindungsmission, danach nur noch die Royal Air Force und die British Army. Die britische Mission war mit 31 akkreditierten Militärpersonen, der später durch in West-Berlin stationiertes Unterstützungspersonal auf über 90 stieg, mit Abstand die größte in der sowjetischen Besatzungszone.

Die britische Mission beendete ihre Arbeit am 2. Oktober 1990. Mike Barton arbeitete bis 1999 dann bei Siemens. "Im Jahr 2000 war ich zu meinem ersten Besuch wieder hier. Da war man dabei, alles abzureißen."

Aus seiner "Abhörzeit" des Truppenübungsplatzes Altengrabow konnte er deshalb auch einiges über die Raketenstellung in Wendgräben berichten. So sei diese 1984 noch nicht wichtig gewesen. Es gab noch zu viel Arbeit. "Es stellte sich aber die Frage, warum Wendgräben ausgebaut wird", so Mike Barton. Die Flugabwehr übernahmen die Fla-Luftverteidigungsbrigaden, von denen es zehn schießende in der DDR gab. Zwei von ihnen waren für die Flugplätze zuständig: Die 157. Fla-Raketen-Brigade für den nördlichen Teil in der DDR, die 163. Fla-Raketen für den südlichen Teil. Beide hatten, so Mike Barton, gemischte Aufgaben: die Sicherung der sowjetischen Flugplätze und die Landesverteidigung.

Durch die 163. Fla-Raketen- Brigade waren die sowjetischen Fla-Raketen-Abteilungen südlich von Berlin befehligt. Der Brigade-Gefechtsstand erhielt seine Einsatzbefehle durch den Gefechtsstand der Luftverteidigung in Wünsdorf. Dort sowohl in der oberirdischen als auch in der UK-20-Bunker-Variante.

Nur 25 Sekunden bis ins 400 Kilometer entfernte Ziel

Im Zuge neuer Verteidigungsstrategien der UdSSR für die Truppen des Westlichen Kriegsschauplatzes ab Mitte der 80-er Jahre erfolgte eine Neustrukturierung der Brigade. Zuvor waren die stationären Fla-Raketen-Einheiten der Truppenluftabwehr unterstellt. Dies belegt, dass Wendgräben zur 163. Fla-Raketen-Brigade gehörte. Wie im übrigen auch eine Radar-Station bei Moritz nahe Zerbst.

Mit der Errichtung der Raketenstellung in Wendgräben setzte eine große Bautätigkeit ein, denn es mussten gleichzeitig auch Meldungssysteme wie Radar und Funkverbindungen ausgebaut werden, erklärte Mike Barton.

In Wendgräben, so Mike Barton, waren S 200 stationiert. Die S-200 ist ein stationäres, allwetterfähiges Langstrecken-Luftabwehrsystem, das in der Sowjetunion entwickelt wurde. Die Raketen erreichen eine Geschwindigkeit von 4000-Stundenkilometern, haben eine Reichweite von 400 Kilometern und erreichen eine Höhe von 40 Kilometern. Der Gefechtskopf enthielt eine Splittersprengladung mit 37 000 Stahlkugeln, die mit einer Geschwindigkeit von 1700 Metern in der Sekunde unterwegs sind. Mike Barton: "Bei einem Treffer zerstört diese Ladung das Flugzeug einfach."

In Wendgräben habe es zwei Abteilungen mit je sechs Stellungen gegeben. Dazu kam eine technische Abteilung, eine Kontrollstation , den Stab, Wohnungen und einen Exerzierplatz. Das Radar wurde auf den Hügeln aufgestellt. "Wir haben damals abgehört, aber nichts gewusst. Die Auswertung erfolgte in London und durch die Amerikaner", so Mike Barton. Man habe erst im Nachhinein davon erfahren. Die Raketen wurden von festen Rampen abgeschossen. Nach anderen Angaben sollen in Wendgräben 27 mobile Startrampen mit je zwei Silos standen zur Verfügung.

Die frühere Raketenbasis wurde im Jahr 2000 für rund 4,2 Millionen Mark rückgebaut. Bis zum 30. September 2000 wurden auf der rund 190 Hektar großen, zumeist bewaldeten Liegenschaft mit Hilfe einer 63-köpfigen Vergabe-ABM 81 Gebäude, Tankstellen, Bunker und Raktensilos "entsorgt".

Der Bund suchte dann für das Gelände Käufer und Nachnutzer. Fallen gelassen wurde die Idee, dass das Land das Gelände für den Munitionsbergungsdienst übernehmen wollte.

Heute sind noch vier aufgeschüttete Hügel, alle in gleicher Bauweise, erhalten. Die Höhe wird auf zwischen 30 und 40 Meter geschätzt. Einen dieser Hügel, zirka zwei Kilometer Luftlinie von Hohenziatz entfernt, besuchten die Expeditionsteilnehmer. "Im Winter rodeln die Kinder hier", erzählte Jan Radmacher. Ansonsten erinnert nichts an die Vergangenheit. Es gibt nichts außer Bäumen und Bodenbewuchs.

In einer kleinen Hütte auf dem Hügel machten Roswitha Kleine aus Ziepel und Henning Lukas aus Büden kurz Halt. "Ich finde diese Exkursion gut. Man erfährt viel, was man bisher nicht wusste und kann seine Heimatkunde-Kenntnisse auffrischen", so die Ziepelerin.

Raktenstellungen verschwinden im Wald

"Das ist heute ein krönender Abschluss für unsere Veranstaltungsreihe", freute sich Forstdirektor Rainer Aumann über den enormen Zuspruch. Zuvor gab es bereits Veranstaltungen in Lübars, Drewitz und auf dem Truppenübungsplatz Altengrabow.

Möglich war die Exkursion nur durch das Entgegenkommen der Erbengemeinschaft Radmacher aus Braunschweig. Die Brüder Jan, Stefan und Henning Radmacher hatten das Gelände, auf dem sich die ehemalige Raketenstellung befunden hatte, 2005 nach einer Ausschreibung der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) gekauft. "Schon damals war bei der Besichtigung nichts mehr von der Raketenstellung zusehen. Es waren lediglich Freiflächen und große aufgeschüttete Hügel da", erzählte Jan Radmacher. Die Brüder haben dann damit begonnen aufzuforsten.

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