Seit einigen Jahren wird am 31. Oktober, dem Reformationstag, immer intensiver Halloween gefeiert. Ob das zusammenpasst, darüber hat Bianca Schwingenheuer mit Thomas Meyer, Pfarrer der Trinitatiskirche, gesprochen.

Warum sollten wir den Reformationstag feiern?

Thomas Meyer: Wir sind ja mit Wittenberg das Land der Reformation. Da wären wir schlecht beraten, wenn man einen der wichtigsten Männer nicht ehren würde. Aber Geschichte ist Geschichte. Die Kunst der jungen Generation ist es, herauszufinden, was die Geschichte uns mitgeben möchte. Die haben andere Zugänge und verstehen manchmal nicht, was wir ihnen mit unseren überbrachten Gedenktagen sagen wollen. Der Reformationstag hat viel mit dem Kopf zu tun und verliert daher an Bedeutung. Der eigentliche, theologische Hintergrund ist schwer zu feiern. Es geht um Gnade. Früher konnte die mit Hilfe von Ablassbriefen verkauft werden, eigentlich eine geniale Marketingidee. Das Dumme ist nur, dass man Gnade nicht kaufen kann. Darüber bin ich glücklich und das hat Luther sagen wollen. Den Leuten aber einen Tag zu vermitteln, ohne dass sie etwas dafür kaufen können, wie zum Beispiel Eier an Ostern, ist schwierig.

Wie finden Sie es, dass die Menschen heute lieber Halloween als die Reformation feiern?

Halloween bietet eine gute Möglichkeit, etwas an den Mann zu bringen. Letztendlich ist das Grundthema des Tages Angst. Das ist sogar ein wichtiges Thema und passt irgendwie auch wieder zu Luther und unserem Reformationsgedenken. Dabei ist der Tag historisch bedingt überhaupt nicht so weit weg vom Christentum. Denn am "All Hallows Eve" sollten die bösen Geister am Tag vor Allerheiligen vertrieben werden. Am 1. November wird in der katholischen Tradition allen Heiligen gedacht, die im Kirchenjahr keinen eigenen Gedenktag haben. Wenn man also in die Geschichte schaut, dann kehrt mit Halloween etwas wieder, was es seit tausend Jahren gibt. Allerdings geschieht das unreflektiert, da die meisten Menschen diese Geschichte überhaupt nicht kennen. Letztendlich aber geht es um die Angst, wie schon gesagt ein ganz menschliches Thema, und mit Angst konnte man schon immer gut Geschäfte machen. Denn das ist das Prinzip, nach dem die Menschen leben. Wenn du nicht nett bist oder gut, dann passiert etwas. Das ist das, was einem beigebracht wird.

Wie geht man als Christ denn mit dieser Angst um?

Die christliche Botschaft setzt noch den Aspekt der Gnade dazwischen. Und das hat Luther ja gezeigt. Er selbst war nachweislich ein ängstlicher Mensch. Durch sein Studium der Bibel hat er entdeckt, dass Gott eine andere Idee hat, mit der Angst umzugehen. Als Pfarrer denkt man darüber nach, wie man diesen Hintergrund zum Reformationsfest tiefer verankern kann. Gegen Halloween aufzurufen und zu kämpfen, da bin ich zurückhaltend. Gegen den Markt von Halloween ist das vergebliche Müh. Die Kunst wäre, beides miteinander zu verknüpfen. Ich mache nach wie vor einen Reformationsgottesdienst, übrigens den einzigen hier in Zerbst. Wir pflanzen jedes Jahr einen Reformationsbaum vor der Kirche. Das macht der Bürgermeister immer. St. Trinitatis in Zerbst ist als Gemeinde für die Reformationsgedenken und Halloween, Angst und Gnade miteinander zu verknüpfen, braucht es eine Idee. Ich suche da aber selbst noch nach.

Was halten Sie von den Lutherbonbons, die die evangelische Kirche zu Halloween verteilt?

Mein Wunsch ist es, dass man den kulturellen Konflikt, den manche hier sehen, nicht auf dem Rücken der Kinder austrägt. Sie wachsen häufig in einem Umfeld auf, das nichts mit alten Traditionen und schon gar nicht mit christlichen zu tun hat. Kinder bekommen Tradition und Kultur von ihren Eltern beigebracht. Ein Fest, das an Bedeutung verliert, wird also meist von ihnen umgedeutet. Den Reformationstag haptisch, also mit Augen und Mund erleben - das hat keine nennenswerte Tradition entwickelt. An Ostern mit den Schokohasen ist das leichter. Gnade lässt sich nicht fassen. Und das schaffen auch diese Bonbons nicht. Die Kinder wollen nur Spaß haben. Wer Angst vor den solchen Veränderungen hat, dem hilft kein Lutherbonbon. Er wird sich genau wie die Iren vor 1000 Jahren fragen müssen, wie gehe ich mit meiner Angst um. Ich hätte da eine Idee.

Hat der Reformationstag dann überhaupt noch einen Sinn?

Feiertage ändern sich im Laufe der Geschichte immer mal. Wir sind keine christliche Gesellschaft mehr und je eher wir das akzeptieren, je früher fallen uns Ideen ein, wie wir heute auf die Ängste reagieren. In irgendeiner Form sich selbst Angst machen, weil sich etwas verändert, was wir nicht wollen, ist sicherlich das Ungeschickteste, was man machen kann. Vielleicht kommt irgendwann wieder jemand wie Luther, der uns sagen kann, wie wir mit unserer Angst umgehen können. Manchmal machen wir uns ja selbst Gespenster und sehen Bedrohungen, wo keine sind. Von Halloween kann man eines lernen: Die Angst kommt immer wieder, aber zum Glück gibt es Wege, sie zu überwinden. Hinter dem alten Wort Gnade verbirgt sich einer davon.

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