Eine politische Bürgerbewegung, die Deutschland verändert hat: Im Herbst 1989 gehen die Menschen im Osten auf die Straße - um für ihre Rechte einzustehen. Auch in Zerbst. Pfarrer Friedemann Schlede erinnert sich im Gespräch mit Redakteurin Franziska Ellrich.

Herbst 1989 in Zerbst: Welches Bild sehen Sie vor Ihrem inneren Auge?

Friedemann Schlede: Wie am 30. Oktober zur ersten Andacht eine Masse von Menschen in der Trinitatiskirche sitzt.

Was war das für eine Atmosphäre?

Die Menschen waren betroffen, voller Spannung und Erwartungen. Ich hatte damals ein Grummeln im Bauch und habe mich gefragt, ob ich es schaffe, dass all diese Menschen friedlich bleiben. Dass es am Ende so friedlich zu ging, hat sich ja zum Glück durchs ganze Land gezogen.

Sie waren Teil der Bürgerbewegung Neues Forum, das sich im September 1989 gegründet hat. Erinnern Sie sich an die Anfänge?

In Zerbst hat sich das Neue Forum am 21. Oktober im Gemeindehaus gegründet. Zu diesem Zeitpunkt galt die Organisation noch als verboten, aber wir haben als Unterzeichner unser Interesse verkündet. Geführt hat dieses dann unser Sohn Jörn. Er ist jetzt Pfarrer in der Schweiz.

Was war das Ziel?

Wir haben eine Tagung der Evangelischen Akademie mit dem Gründungsmitglied Hans-Jochen Tschiche geplant. Unter dem Titel: Aufbruch im Land. Wir haben Unterschriften gesammelt und gefragt, wer zum Neuen Forum gehören will.

Hatten Sie Angst?

Angst hatten wir in dieser Zeit immer. Nicht nur, dass es in diesen Menschenmassen hochkocht, sondern auch vor der Staatsmacht.

Haben Sie damals an eine Wiedervereinigung gedacht?

Überhaupt nicht. Wir wollten einen besseren Sozialismus, eine Veränderung der Politik. Es war alles im Schwimmen.

Und als die Mauer fiel?

Waren wir gerade dabei die nächste Friedensandacht vorzubereiten, als meine Frau in die Kirche kam und rief: Die Mauer ist offen. Ich habe nur gesagt, Du spinnst doch. Als wir dann vorm Fernseher saßen, war ich überrascht. Viele wurden überrollt. Das Kreisamt der Volkspolizei war genau gegenüber vom Gemeindehaus und am nächsten Morgen sah ich aus dem Küchenfenster die lange Menschenschlange, die für ihre Visa anstanden.

Wann haben Sie sich Ihren Stempel geholt?

Gleich am 9. November. Ich hatte einen Termin mit dem Polizeichef des Kreisamtes, um die nächste Demonstration vorzubereiten. Dabei konnte ich gleich noch den Stempel für mich und meine Frau besorgen. Sie ist mit den Kindern am nächsten Tag losgefahren. Ich hatte keine Zeit. Plötzlich trug ich für soviel in der Stadt Verantwortung.

Haben Sie zu DDR-Zeiten je darüber nachgedacht in den Westen zu gehen?

Ich wollte nie weg. Klar hatte ich manchmal die Nase voll, wenn wieder etwas nicht funktionierte. Aber ich wollte immer die Herausforderung annehmen, mich für Veränderungen einzusetzen. Von denen, die einen Ausreiseantrag gestellt haben, fühlte man sich sogar ein wenig im Stich gelassen - wobei ich es natürlich verstehen konnte. Aber unsere Losung war: Wir bleiben hier.

Hätte man aus heutiger Sicht früher handeln müssen?

Erst in den Jahren 1988/89 waren ehrliche Gespräche möglich. Anfangs bewegte sich nur wenig, aber dann ging es plötzlich richtig los. Dazu gehörte dieser Reifungsprozess. Dass dann alles so schnell passiert ist, hat viele überfordert.

25 Jahre danach: Haben sich Ihre Visionen erfüllt?

Damals hing ein großes Transparent mit Forderungen von der Kirchendecke und die sind eigentlich alle erfüllt, zum Beispiel sollte der Wehrunterricht gestrichen werden, das Versammlungsrecht, Redefreiheit und Verantwortungsträger mit Rückgrat. Jedoch alles, was wir nicht wollten, ist anders gekommen: Keinen Kapitalismus, keine Aufhebung der Zweistaatlichkeit und keine Bananen als Trostpflaster.

Sind all diese gewonnen Freiheiten für die neuen Generationen zu selbstverständlich?

Wer Demokratie will, muss ständig daran arbeiten. Das ist ein andauernder Prozess, in dem sich immer wieder mit den neuen Generationen auseinandergesetzt werden muss. Mich macht diese Politikverdrossenheit traurig.

Funktionsträger von damals sitzen heute wieder im Amt - Erschreckend?

Wir haben uns alle verändert. Ich bin meinen Grundeinstellungen treu geblieben, aber habe mich auch weiterentwickelt. Das muss ich auch den anderen zugestehen.

Haben Sie je für die Staatssicherheit gearbeitet?

Ich bin ab und zu von Leuten der Stasi besucht worden. Mir war es wichtig mit allen im Gespräch zu sein. Ich wollte keine Politik vom Grünen Tisch, sondern habe mich mit allen auseinandergesetzt. Aber ich hatte nie eine Auftrag oder ähnliches. Im Januar ´89 kann ich mich nur an einen Besuch der Stasi-Mitarbeiter erinnern. Ich war naiv, dachte, dass ich durch Gespräche etwas bewegen könnte. Aber vermutlich wollten die nur Informationen abschöpfen.