Dem Zerbster Prozessionsspiel widmet sich eine neue Sonderausstellung im Museum der Stadt. Sie ist Bestandteil des länderübergreifenden Projektes "Am Vorabend der Reformation". Bis Februar 2015 können Besucher in die spätmittelalterliche Frömmigkeit eintauchen.

Zerbst l Menschenmassen säumen die Straßen von Zerbst, während Bürger von Anhalts bedeutendster Stadt kostümiert an ihnen vorbeiziehen und die wichtigsten Bibelkapitel lebendig werden lassen. "Mindestens 200 bis 500 Personen waren an dem Umzug beteiligt", schätzt Hannes Lemke. Die Anzahl hänge davon ab, wie detailliert die einzelnen Szenen dargestellt wurden, erläutert er. Der Lehrbeauftragte an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und Freie Archivar am Geistlichen Stift zu St. Bartholomäi weiß ganz genau, wovon er spricht. Bei Forschungen im Historischen Stadtarchiv von Zerbst hatte er 2012 einen "kulturellen Schatz" wiederentdeckt: das "Zerbster Prozessionsspiel". "Bundesweit findet sich nichts Vergleichbares", erzählt Hannes Lemke von den 15 Text- und drei Regiebüchern, die eine einzigartige wissenschaftliche Quelle darstellen.

Jetzt stehen sie im Mittelpunkt einer Sonderausstellung im Zerbster Museum, für deren Titel auf ein Zitat aus dem Prozessionsspiel zurückgegriffen wurde: "Horet, mercket, vorsteit. dysser verslosene garte beczeyget uns Mariam dy eddele, zarte". Die Stadt ist damit einer von zwölf Korrespondenzorten zur Schau "Am Vorabend der Reformation. Stätten der Frömmigkeit im späten Mittelalter", die seit vergangenen Mittwoch im Kulturhistorischen Museum Magdeburg gezeigt wird. Es handelt sich um ein länderübergreifendes Projekt zur Lutherdekade 2017, das nach Mühlhausen (Thüringen) und Leipzig (Sachsen) nun in der Otto-Stadt als letzte Station präsentiert wird. "Es möchte die vielfältigen Facetten des religiösen Alltags darstellen", erklärt Antje Rohm, als am Freitag die Zerbster Ausstellung eröffnet wird. Analog zu Magdeburg wird sie bis zum 15. Februar 2015 zu sehen sein. "Damit verschieben sich die Zerbster Kulturfesttage im nächsten Jahr um zwei Wochen", bemerkt die Kulturamtsleiterin - nicht, ohne zu erwähnen, dass die Rolandstadt gleich doppelt prädestiniert als Korrespondenzort ist: Zum einem steuert sie der Kirche St. Nicolai zugeschriebene Ziergitter bei, zum anderen originale Textbücher des Prozessionsspiels.

Dieses ist einem wohlhabenden Bürger zu verdanken, der 1498 der Kirchgemeinde St. Bartholomäi Geld stiftete. Ein Teil sollte der jährlichen Aufführung der wichtigsten Bibelkapitel dienen, wie Hannes Lemke in seinem Einführungsvortrag informiert. Quer durch alle Zünfte und Innungen, den Rat der Stadt und den Niederadel agierten die Zerbster Bürger als Schauspieler, um die Heilige Schrift in farbenfrohen Bildern einem historischen Umzug gleich auf die öffentliche Bühne der Straßen zu bringen. Von St. Bartholomäi über den Markt bis St. Nicolai und zurück bewegte sich der Tross. "An einer oder mehreren Stellen wurde der Text verlesen", erklärt Hannes Lemke, wie zu den Versen Szenen gespielt wurden. Mindestens vier Personen sammelten Almosen unter den vielen Zuschauer, die aus dem gesamten anhaltischen Fürstentum anreisten. Diese "Touristen" speisten und nächtigten in der Stadt, der das Prozessionsspiel so erhebliche Einnahmen bescherte. Unter anderem flossen diese nach dem Brand von 1506 in den Wiederaufbau von Zerbst. "1522 scheint das Prozessionsspiel letztmalig aufgeführt worden zu sein", vermutet Hannes Lemke. Wer tiefer in die Materie eintauchen möchte, dem sei sein Lichtbildervortrag am 20. November in Dessau empfohlen.

Nach seiner einleitenden Worten nimmt Agnes-Almuth Griesbach die Gäste mit in die Sonderausstellung. Die Museumsleiterin führt sie durch die Schau, erläutert die Installationen und hebt einige Exponate hervor wie das Tangermünder Schwurkästchen. Das spezielle Augenmerk gilt natürlich den sichtlich genutzten Textbüchern des Prozessionsspiels.

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