Das Ökobarometer zeigt: Rund 92 Prozent der Befragten bevorzugen regionale Lebensmittel. Aber ist es überhaupt sinnvoll, sich regional zu ernähren? Die beiden Ökotrophologinnen Dr. Christina Harnisch und Dr. Dietlind Hanrieder von der Hochschule Anhalt versuchen, sich dieser Frage vom wissenschaftlichen Standpunkt zu nähern.

Zerbst l In den vergangenen Wochen haben die Volksstimme-Redakteure für Sie viele Direktvermarkter besucht. Die meisten waren sich einig: Die Produzenten der Stadt Zerbst könnten ihre Bewohner auf jeden Fall ernähren. Das würde die lokale Wirtschaft stärken, wäre aber durch die Fahrerei von Hof zu Hof teuer. "Ich würde deshalb auch keine Lanze für die Direktvermarkter brechen wollen", sagt Dr. Dietlind Hanrieder. Es sei unökologisch, wenn alle Bürger zu den Hofläden fahren würden. Sie plädiert daher dafür, dass die großen Handelsketten und die regionalen Produzenten besser zueinander finden müssten.

Umdenken der Handelsketten

"Allerdings können die kleinen Unternehmen häufig gar nicht die Mengen vorhalten, die so eine Kette benötigt", so Hanrieder. Doch derzeit finde schon ein Umdenken bei den Supermärkten statt. Viele von ihnen wie Kaufland oder Edeka erweitern ihr Angebot an regionalen Produkten. "In einer Welt mit globalem Handelsverkehr und einem einigen Europa besinnen sich die Menschen auf die Heimat", erklärt Dr. Dietlind Harnisch das Phänomen. So lange es aber keine Übereinkunft von Handelsketten und regionalen Produzenten gibt, sehen die beiden Professorinnen schwarz für die regionale Ernährung: So wird das nie was. Derzeit würde es eigentlich nur eine sinnvolle Alternative geben und zwar die Wochenmärkte. "Die haben allerdings häufig an den Verbrauchern vorbei geöffnet", so Hanrieder. Auf dieses Phänomen machte Marktfrau Siegrid Menz auf dem Zerbster Wochenmarkt bereits zu Beginn dieser Serie aufmerksam. Der Wochenmarkt in Zerbst findet immer dienstags, donnerstags und freitags in der Zeit zwischen 8.30 und 17 Uhr statt. Reguläre Arbeitszeiten lassen so einen Marktbesuch kaum zu.

Bundesland als Größe für Regionalität

Sollten umweltbewusste Bürger deshalb den Kopf in den Sand stecken? "Man sollte die Region nicht zu klein greifen", so Dr. Christina Harnisch. Ihrer Auffassung nach wäre das Bundesland eine gute Größe, bei kleinen wie Sachsen-Anhalt vielleicht auch noch die Nachbarländer. Dadurch erhöht sich das Angebot und es gibt viele der Waren auch im Supermarkt zu kaufen. Und wer dort doch mal zur Kiwi aus Neuseeland greift, muss kein schlechtes Gewissen haben. Denn, wenn Äpfel aus Sachsen-Anhalt über den Winter kühl gehalten werden, um sie weiterhin anbieten zu können, verursacht das einen höheren Ausstoß von CO2 als der Langstreckenflug. "Außerdem ist eine gewisse Vielfalt ernährungsphysiologisch durchaus sinnvoll", betont Dr. Dietlind Hanrieder.

Die beiden Expertinnen erinnern sich mit Schaudern an die DDR-Zeiten, zu denen es im Winter Kohl in all seinen Facetten zu essen gab. Denn der größte Nachteil an regionaler Ernährung ist, dass sie immer auch mit saisonaler Ernährung einhergeht. Mangelerscheinungen können dadurch nicht auftreten, denn auch in Kohl und Kartoffeln sind eine Menge wichtiger Nährstoffe. "Aber das wäre auf Dauer einfach langweilig", so Dr. Christina Harnisch.

Aber regionale Ernährung hat auch etwas mit dem Geschmack der Produkte zu tun. "Die Wurst in Thüringen wird ja ganz anders gewürzt als die Wurst hier, ist doch klar, dass einem das, was man kennt, besser schmeckt", erklärt Dr. Dietlind Hanrieder. Regional würde dementsprechend nur funktionieren, wenn auch die Sensorik stimme. "Es muss schmecken, das sollte das Kriterium sein."

Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel der Anbau im eigenen Garten. Allerdings lohnt sich das nicht für jeden. An der Hochschule Anhalt werden Beispiele gerechnet wie teuer es wäre, wenn eine Ärztin selbst Marmelade einkocht. Die Berechnungsgrundlage verläuft anhand des Einkommens pro Stunde der Ärztin und der Zeit, die sie benötigt, um die Marmelade zu kochen. "Das lohnt sich dann einfach nicht", so Dr. Christina Harnisch. In niedrigeren Einkommensklassen sähe das dann aber schon wieder ganz anders aus.

Trotzdem erzieht ein eigener Garten auch dazu, die Produkte wertzuschätzen. "Viele junge Leute wissen überhaupt nicht mehr, wie die unterschiedlichen Pflanzen auseinanderzuhalten sind. Das finde ich sehr schade", sagt Dr. Dietlind Hanrieder. An der Hochschule Anhalt wird zumindestens im Studiengang Ökotrophologie dagegen angesteuert. So kochen die Studierenden von Dr. Christina Harnisch gemeinsam mit ihr Rhabarbersaft ein. "Für viele ist das ein ganz neues Geschmackserlebnis", sagt sie.

Frische Produkte und kurze Transportwege

Insgesamt sind die beiden Ökotrophologinnen dafür, dass unsinnige Transportwege vermieden werden. So empfehlen sie bei Produkten, die sich gut regional vermarkten lassen, wie Fleisch oder Gemüse, das regionale Angebot zu nutzen. Der Konsument profitiere durch die Frische der Produkte und die geringen Transportwege. "Das ist zwar nicht immer, aber fast immer ökologischer", so Dr. Dietlind Hanrieder. Es gehe darum, einen sinnvollen Kompromiss zu finden aus regional und global.

Die Frage, ob eine Stadt wie Zerbst ihre Einwohner satt machen kann, beantwortet Dr. Dietlind Hanrieder so: "Die Stadt eher nicht, aber auf jeden Fall das Bundesland. Ballungsgebiete haben dabei eher Probleme als die ländlichen Räume." Der Geschmack entscheide aber am Ende über die Kaufentscheidung.