Bereits zum 24. Mal fand am Sonnabend der Innungstag der Kreishandwerkerschaft Anhalt-Bitterfeld statt. Bevor mit den Meisterehrungen das Handwerk gewürdigt wurde, kamen Probleme und Sorgen zur Sprache.

Zerbst l Als wirtschaftlichen Stützpfeiler der Gesellschaft bezeichnete Roland Prokop die kleinen und mittleren Betriebe. "Behaltet ihre Interessen und ihre Wettbewerbsfähigkeit bei den politischen Weichenstellungen im Auge", bat der Kreishandwerksmeister die anwesenden Land- und Bundestagsabgeordneten. Denn so manche Entscheidung belaste die mittelständischen Unternehmen. Als Beispiele nannte er die Rente mit 63 und den gesetzlichen Mindestlohn unter Aushebelung der Tarifhoheit. "Dies ist nicht der Weg, der Deutschland und seine Wirtschaft zukunftssicher macht", konstatierte Roland Prokop in seiner Eröffnungsrede zum nunmehr 24. Innungstag der Kreishandwerkerschaft Anhalt-Bitterfeld.

Im barocken Ambiente der Zerbster Stadthalle konnte er Tischler, Bäcker, Friseusen sowie Meister vielfältiger weiterer Innungen neben Politikern sowie Vertretern unter anderem von Banken, Versicherungen, Jobcenter und der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Kreises begrüßen. Roland Prokop nutzte die Gelegenheit, um auf die Bedeutung der Handwerksbetriebe aufmerksam zu machen. Diese würden dauerhaft Arbeitsplätze in der Region schaffen und mit ihren Steuern und Abgaben das öffentliche Leben mitfinanzieren. "Das muss auch in Zukunft möglich sein", forderte er Rahmenbedingungen, "die den Spielraum dafür lassen und uns nicht ausbremsen."

Jugendliche nicht nur zum Studium lenken

Auf die schwierige Suche nach geeigneten Auszubildenden ging der Kreishandwerksmeister ebenfalls ein. "Der Mittelstand lebt von und mit gut ausgebildeten Fachkräften, die eine moderne Dienstleistungsgesellschaft braucht. Es wird jedoch zunehmend schwerer, den erforderlichen Nachwuchs aus den Reihen der Schulabgänger zu gewinnen." Aus seiner Sicht ist daran nicht nur der demografische Wandel schuld, sondern auch eine verfehlte Steuerung zu vieler junger Menschen in die akademische Laufbahn. "In naher Zukunft werden wir dann ein Heer von arbeitslosen Akademikern haben und gute handwerkliche Fachkräfte fehlen", beschrieb er ein Szenario, das keinem nützt. Im Gegenteil. Die Anzahl der Jugendlichen, die noch ausbildungsfähig sind, werden immer weniger. "Und von diesem Rest beendet schon heute etwa jeder Dritte vorzeitig seine Lehre - nicht wegen außerordentlicher Leistungen, nein, wegen ungenügender Leistungen."

"Wir müssen das Grundwissen festigen", griff Prof. Dr. Wolfgang Böhmer in seiner Festansprache die Nachwuchssorgen der Handwerksbetriebe auf. Die jungen Leute würden seines Erachtens heutzutage mit Fakten zugeschüttet, Zeit zum Wiederholen des Gelernten fehle. Gleichzeitig werde in allen Berufen viel mehr verlangt.

Entgegen EU-Plänen Meistervorbehalt schützen

"Wir müssen gemeinsam nach Lösungen suchen", betonte der ehemalige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt wiederholt. Politik und Handwerk seien eng verzahnt und müssten an einem Strang ziehen, widmete er sich den existierenden Problemfeldern.

"Energiekosten sind ein wesentlicher Standortfaktor." Politik könne hier helfen. Darüber hinaus fand Wolfgang Böhmer, dass Handwerksbetriebe mit Industriefirmen zusammenarbeiten und dort Aufträge rekrutieren sollten. Nicht weniger wichtig sei, auf die technologischen Entwicklungen einzugehen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Zum Stichwort "Mindestlohn" meinte der frühere Landeschef, dass eine wettbewerbsfähige Wirtschaft nicht zu Lasten des Niedriglohnsektors aufgebaut werden sollte.

Unterdessen widmete sich Thomas Keindorf dem Thema "Meistervorbehalt". Hintergrund ist, dass die Europäische Union den Meistertitel als Voraussetzung für Betriebsgründungen abschaffen will. "Das würde nicht nur ein Symbol deutscher Handwerkskunst massiv beeinträchtigen, auch die Handwerksstrukturen würden sich ändern", gab der Präsident der Handwerkskammer Halle (Saale) zu bedenken. Er hob die Bedeutung der Qualifikation zum Meister hervor, bei der fachliche und betriebswirtschaftliche Kenntnisse sowie die Befähigung auszubilden erworben werden. Fast drei Viertel der Existenzgründer besitze einen Meisterbrief, der zugleich für eine qualitätsvolle Leistung birgt.

Die alte Tradition des Handwerks spiegelte sich schließlich in den vorgenommenen Ehrungen wider. Silberne, goldene und diamantene Meisterbriefe anlässlich von Meisterjubiläen wurden unter anderem vergeben. Natürlich bot der vom Zerbster Bläserensemble musikalisch umrahmte Innungstag ebenfalls wieder die Bühne für die Jungmeister.

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