Weihnachten versammeln sich Kinder und Enkelkinder, Eltern und Großeltern, Nichten, Neffen und andere Verwandte um den Tisch. Nicht immer bleibt es harmonisch. "Erwarten Sie nicht zu viel", rät Familienberaterin Anne Weber aus Zerbst.

Zerbst l Die Zusammenkunft der Familie ist das, was Weihnachten so besonders macht. Endlich haben alle Zeit und an den drei Festtagen besuchen sich die Familienmitglieder untereinander. Um den Tisch versammeln sich alle friedlich, freundlich, fröhlich und genießen ein perfektes Mahl in freudiger Eintracht. Nicht immer geht es allerdings dabei so harmonisch zu, wie es viele sich erhoffen. Falsche Geschenke sind da noch das kleinste Übel. Was zu tun ist, um den größten Streitquellen aus dem Weg zu gehen, fragte die Volksstimme Anne Weber. Die Sozialpädagogin arbeitet als Familienberaterin in der Erziehungs- und Familienberatungsstelle in Zerbst. Sie rät: "Trennen Sie sich von diesen übergroßen, romantischen Vorstellungen." Dann gibt es eine realistische Chance, schöne Weihnachten zu verbringen.

Das falsche Geschenk

Die Familie ist da, die Großeltern freuen sich auf ihre Enkel und auf die leuchtenden Augen der Kinder und dann folgt die herbe Enttäuschung: Das Spiel passt nicht zur Konsole, das Buch ist schon vorhanden, der Pullover ist alles, außer schön. Während die Enkel ihre Enttäuschung nicht verstecken, halten die Großeltern das Verhalten des Nachwuchses für Undankbarkeit. Schon ist die Harmonie dahin. Anne Weber rät: "Es wäre gut, sich dabei im Vorfeld zu verständigen. Gerade bei Kindern können die Eltern befragt werden: Was wünscht das Kind sich und womit seid Ihr auch einverstanden?" Denn schließlich tolerieren nicht alle Eltern jedes Geschenk, macht die Familienberaterin deutlich. Unter Erwachsenen rät sie ebenfalls zu Kommunikation. "Da können vorher Grenzen festgelegt werden. Schenken wir uns überhaupt was und was ist das Limit? Dann ist es aber auch wichtig, sich daran zu halten." Wird das nicht getan, fühle sich der Beschenkte vielleicht schlecht. Ist nun aller Absprache zum trotz das Geschenk unbrauchbar, rät Anne Weber zur Diplomatie. "Bei manchen Personen kann das direkt gesagt werden, andere würde das sehr verletzten, da ist Fingerspitzengefühl gefragt." Dem unwissenden Schenkenden bleiben immer noch Gutscheine. "Nicht umsonst sind die so beliebt", sagt die Fachfrau.

Das ständig falsche Geschenk

Den Töpferkurs von Tante Frieda in allen Ehren, aber die braungrünen asymmetrischen Gefäße passen nicht zu Ihren hellen klaren Möbeln. Sie können die Fensterbilder von Onkel Hugo - anders als ihn - einfach nicht ausstehen. Auch hierfür weiß Familienpädagogin Anne Weber Rat: "In solchen Fällen könnte man vorschlagen, sich nichts zu schenken, dafür aber etwas anderes zu tun. Man könnte ja lieber etwas gemeinsam unternehmen." So kann man diplomatisch die achte schiefe Vase vermeiden, ohne dass jemand beleidigt sein muss.

Das unharmonische Mahl

Gutes Essen gehört zu Weihnachten wie der Baum und das Singen. Kaum ein anderer Aspekt des Festes wird so traditionell begangen und kaum ein anderer Aspekt hat so viele innerfamiliäre Traditionen. Bei den einen ist es Kartoffelsalat und Würstchen, bei den anderen der Karpfen oder die Weihnachtsgans. Kommen alle dann zu einer größeren Runde zusammen, "bestimmt der Gastgeber, was er gern kochen möchte und was es geben wird. Dabei darf er sich ruhig trauen, auch mal mit Traditionen zu brechen", meint die Pädagogin. Warum nicht ein kaltes Buffet anbieten, dass lässt sich gut vorbereiten und nimmt somit den Stress. "Oder alle bitten, etwas mitzubringen. So wird die Aufgabe verteilt." Wichtig sei, dass es vorher nur bekannt gemacht werde. "Vorher, nicht in der Situation. Dann kann sich nämlich jeder darauf einstellen", betont sie.

Sollte doch etwas auf den Tisch kommen, dass einem nicht schmeckt, so rät die Expertin zur Wertschätzung und Offenheit: "Ich sollte dann anerkennen, dass die Zubereitung sicherlich aufwendig war und bestimmt auch gut gelungen ist, dass es aber einfach etwas ist, dass ich nicht gern esse." Andersherum sollte auch der Gastgeber und Koch damit rechnen, es nicht jedem Recht machen zu können. "Die Geschmäcker sind so verschieden, dass es einfach unmöglich ist. So etwas sollte niemand persönlich nehmen. Auch hier hilft ein früh gefasster Kompromiss."

Streitgespräche

Da man sich seine Verwandten nicht aussuchen kann, gibt es in jeder Familie Konfliktpotenzial. "Unter jedem Dach ein Ach", sagt der Volksmund. "Jede Familie hat bestimmte Reizthemen, die man eben nicht ansprechen sollte, wenn alle da sind", sagt Anne Weber. Sollte das Thema aufkommen, dürfe sich der harmoniebedürftige Gastgeber gern einmischen, meint sie. "Ich weiß, dass ist schon immer ein Thema zwischen Euch, aber klärt das bitte nicht heute", gibt sie einen möglichen Lösungssatz. Das könne auch im Vorfeld an die Streithähne gerichtet werden.

Tante Erna nervt

Ob sie nun Erna oder Liselotte heißt oder ob es doch ein Onkel ist: Es gibt sie, die ständig nörgelnden, besserwissenden, an allem herummäkelnden Familienmitglieder. Doch weil Weihnachten ist, sind sie natürlich eingeladen. "Bei solchen schwierigen Fällen hilft es, sich von vornherein darauf einzustellen. Vielleicht gelingt es ja, in diesem Jahr anders zu reagieren. Etwa: Ja, Tante, ich weiß, du möchtest immer viel Salz in deinem Kartoffelbrei, hier ist der Streuer." Bei allgemeineren Kritiken, die gern auch die Einrichtung der Wohnung, die Kindeserziehung, oder den Lebensstil betreffen, rät Anne Weber zu einem klaren Statement: "Wir fühlen uns so wohl. Punkt." Klare Grenzen können und sollten bei solchen Äußerungen gezogen werden.

Generationskonflikt

Wenn sich die Familie trifft, ist das immer auch ein Treffen zwischen Generationen und somit nicht selten von unterschiedlichen Weltbildern. Wenn der Opa dem Enkel vorwirft, dass er in seinem Alter schon längst Vater gewesen sei und Handwerksmeister, bietet das jede Menge Potenzial für einen ordentlichen Krach unterm Baum. "Versuchen Sie, sich in die andere Person hineinzuversetzen", gibt Anne Weber als Rat. Gut sei, Wertschätzung auszudrücken und dann die eigene Sicht zu erklären. "Respekt Opa, das müssen harte Zeiten gewesen sein, heute läuft das allerdings etwas anders", sagt Anne Weber. Generell sei es ja auch ein Zeichen von Sorge, wenn der Opa nachfragt. Die Vorstellungen zwischen der 80-jährigen Großmutter und der 16-jährigen Enkelin gehen auseinander - was das Leben aber auch den Ablauf eines solchen Festes betrifft. "Die möchte vielleicht abends mit ihren Freunden noch ins Kino gehen, was ihre Oma dann überhaupt nicht verstehen kann."

Frustfrei unterm Tannenbaum

"Wenn möglich, sollten Erwartungen und Vorstellungen im Vorfeld abgeklärt werden", betont die Fachfrau. Es sei sehr wichtig, dass der Gast weiß, was gibt es zu essen, was erwartet mich da, soll ich ein Geschenk mitbringen, welchen Wert soll es haben und wer kommt denn alles. Dann könne er sich darauf einstellen. Das entlaste auch den Gastgeber.

"Erwarten Sie nicht zu viel. Trennen Sie sich von den Vorstellungen, dass alles perfekt sein muss. Sonst sind Enttäuschungen vorprogrammiert. Perfekt ist niemand und schon gar keine Familie", sagt Anne Weber. Wer mit realistischen Erwartungen an das Zusammentreffen gehe, der werde vielleicht ein perfektes Fest erleben.

Bilder