Täglich bestimmt der Konflikt in der Ukraine die Nachrichten. Bereits seit Monaten dauern die Gefechte an. Über die Situation der Menschen vor Ort unterhielt sich Daniela Apel mit Tatyana Nindel. Die Vorsitzende des Fördervereins Katharina II. ist in der Ukraine aufgewachsen, ihre Familie lebt noch dort.

Frau Nindel, sie stammen aus der Ukraine - wo genau sind sie geboren?

Tatyana Nindel: Ich wurde in der Ukraine in Charkiw geboren. Charkiw - Charkow - ist nach Kiew mit rund 1,4 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt der Ukraine und mit 42 Universitäten und Hochschulen das bedeutendste Wissenschafts- und Bildungszentrum des Landes an der Grenze zur Russischen Föderation. Meine Eltern sind allerdings Russen. Sie stammen aus Russland, sind aber beide in der Ukraine - oder besser gesagt in der damaligen Ukrainischen SSR aufgewachsen.

Spielte die Frage der Nationalität damals in der Ukraine eine Rolle?

Die Frage der Nationalität war früher in der Ukraine nie ein Thema, eigentlich ist es immer noch nicht der Fall, obwohl es in der Presse, besonders in der russischen Presse, oft solche Wörter wie Nationalisten, Nationalismus usw. zu lesen sind. Es ging von Anfang an um die ukrainische Sprache, die als einzige Staatssprache anerkannt werden sollte und wogegen sich der ganze Osten, das Gebiet Donezk, gewehrt hat.

Welche Sprache hat ihre Familie gesprochen?

In meiner Familie, wie in vielen Familien im Osten, wurde auch nur Russisch gesprochen. Aber ich halte es trotzdem für richtig. Die Ukraine - sprich ukrainische Sprache. An der Grenze mit Holland sprechen viele Menschen Holländisch, es heißt doch nicht, dass Holländisch deswegen als zweite Staatssprache anerkannt werden soll.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die tägliche Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt verfolgen?

Seit einem Jahr ist meine ganze Welt zusammengebrochen. Jeden Tag wache ich mit der Angst auf und lese als erstes die Nachrichten aus der Ukraine. Und davon hängt jetzt meine tägliche Laune ab. So geht es jetzt nicht nur mir, sondern vielen Menschen in der Ukraine und auch außerhalb. Die Zahlen der Toten und Verletzten, die Berichte aus dem Krieg, die neuen Terrorakte in Charkiw, Kiew, Odessa, Prognosen für die Kreml-Politik in diesem Konflikt - das alles ist kein guter Start in den Tag. Aber gleichgültig kann ich auch nicht bleiben, denn es ist meine Heimat und da leben viele Menschen, die ich lieb habe.

Wie gestaltet sich der Kontakt zu ihren Verwandten und Bekannten in die Ukraine?

Meine Eltern und mein Bruder wohnen in Charkiw, aber auch viele Verwandte, Bekannte und Freunde. Heutzutage im Zeitalter der sozialen Netzwerke bleibt man ganz nah, auch wenn Tausende von Kilometern dazwischen liegen. Wir lesen die gleichen Blogger und Autoren, die unsere Freunde auf Facebook interessant finden, schauen uns zusammen Videos an und diskutieren zu verschiedenen Ereignissen ganz aktiv. Wir sind miteinander eng "vernetzt".

Wirkt sich der Konflikt auf ihre ukrainischen Freundschaften aus?

Ich muss gestehen, ja. Seit dem Beginn der Revolution in der Ukraine habe ich sehr viele gute Freunde verloren und mit vielen Menschen den Kontakt abgebrochen, deren Worte mich verletzt haben. Ich kann nicht weiter leben und so tun, als ob nichts passiert ist und das alles mich nicht getroffen hat. Und so geht es allen in der Ukraine. Die Krise ist auch in die menschlichen Beziehungen eingedrungen.

Wie geht es den Menschen in der Ukraine? Wie spiegelt sich die Krise im Alltag wider?

Den Menschen in der Ukraine geht es sehr schlecht. Sie leben in der absoluten Ungewissheit vor der Zukunft. Konflikte in den Familien- und Freundeskreisen wegen unterschiedlichen politischen Sichten, die abgestürzte Währung, was eine Erhöhung der Preise um mehr als das Doppelte mit sich brachte, die tägliche traurige Berichterstattung aus den Kriegsgebieten - das ist, was den heutigen Alltag in der Ukraine gestaltet.

Lässt sich all dem auch irgend etwas Positives abgewinnen?

Dank der Revolution scheinen viele Ukrainer ihre Würde wiederentdeckt zu haben, was ich oft hier in Deutschland beobachten kann und so mag. Das sind Stolz auf das eigene Land, die Hilfsbereitschaft der Menschen, anderen zu helfen, der Wunsch und Wille an der Gestaltung der Geschichte und der Zukunft des Landes mitzuwirken. Wenn man bedenkt, dass die Ausrüstung und die Unterhaltung der ukrainischen Armee und Nationalgarde zu mehr als 50 Prozent auf den Schultern der so genannten Volontäre, das heißt der ehrenamtlich tätigen Bürger, liegt. Sie beschaffen alles für die Jungs, die in der Nato-Zone unsere Heimat verteidigen, von der Unterwäsche bis hin zu Wärmebildgeräten und Kampfdrohnen. Die Ukrainer spenden Geld, Blut, sie geben ihre freistehenden Wohnungen und Häuser für die Flüchtigen. Sie sind alle in einem Atemzug Patrioten geworden. Und das kannte ich früher nicht und das macht mich sehr stolz auf mein Land und mein Volk.

Was ist Ihrer Meinung nach das Schlimmste für die Menschen an der jetzigen Lage?

Das Schlimmste ist die Angst vor dem globalen Krieg mit Russland. Alle wissen, dass der Ukraine jetzt viele schwere Jahre der Euro-Integration bevorstehen. Aber es ist alles nichts im Vergleich mit dem, was passiert, wenn der Krieg richtig groß ausbricht. Und das meine ich auch so, der Krieg läuft schon, auf allen Ebenen, bleibt jedoch noch im Rahmen, was aber jeden Tag außer Kontrolle geraten kann. Und davor haben die Ukrainer die größte Angst.

Wie sollte sich Deutschland in der Ukraine-Krise verhalten?

Ich weiß, es gibt in Deutschland viele negative Meinungen zu dieser Krise. Dass man genug eigene Probleme hat, um sich noch in so was einzumischen. Die Wirtschaft leidet dadurch nur und so weiter. Aber nur Deutschland hat heute die Kraft, dieser Aggression Widerstand zu leisten. Die Ukrainer konnten sich vor einem Jahr auch nicht vorstellen, dass jemand in ihr Territorium einmarschiert und die Grenzen neu beschneidet. Nur dabei bleibt es nicht, wenn die Europäische Gemeinschaft mit Deutschland an der Spitze diesen Konflikt nicht als eigenen behandeln wird.

Wie reagieren die Menschen in ihrem persönlichen Umfeld?

Im Kreise meiner Freunde und Bekannten hier finde ich immer Verständnis und große Unterstützung. Viele Zerbster haben gespendet und geholfen, als ich auf Bitte von ukrainischen Volontären die teuren blutstillenden Medikamente für die ukrainischen Soldaten kaufte. Ich war wirklich tiefst berührt.

Welche weitere Entwicklung würden Sie sich für die Ukraine wünschen?

Die Ukraine wird zu einem blühenden Land ohne Korruption, zu einem sozialen Staat, wo das Gesetz herrscht, wo die Politiker treu dem Volk dienen, und falls nicht, bestraft und entlassen werden, wo Menschenleben absolute Priorität haben. Ein Märchen... würden einige Skeptiker sagen. Egal, ich glaube trotzdem daran. Und viele glauben und opfern dafür ihr Leben. Wie es in der ukrainischen Nationalhymne vorhergesagt wurde:

Noch nicht starb die Ukraine, weder Ruhm, noch Wille,

Noch uns, Brüder-Ukrainer, lächelt Schicksal stille.

Unsere Feinde noch verschwinden, wie Tau in der Sonne

Und wir, Brüder, führen selber unser Land zu Wonne.

Leib und Seele geben dahin wir für unsre Freiheit,

Und wir, Brüder, zeigen unsres Kosakenstamms Reinheit.