Zerbst l Viele Mails der Leser, die uns erreichten, meinten, dass es auf ein Fehlverhalten der Stadtverwaltung zurückzuführen ist, dass die Jeversche Straße nun in dem Zustand ist, wie sie ist. Das Hauptproblem sind leere Ladenzeilen. Viele Geschäfte schlossen im vergangenen Jahr.

Doch die Schuld bei der Stadtverwaltung zu suchen, ist für Volksstimme-Leser Dieter Friedrich zu einfach und nicht richtig. Er schreibt: "Wenn im Ort etwas zu bemängeln ist, wird allzuschnell \'die Stadt` beschuldigt, und nicht selten hört man den Satz \'die Stadt lasst nischt machen!`" Das lasse sich leicht fordern, doch werden dabei leicht allgemeine Strukturveränderungen, demografische Entwicklungen und nicht zuletzt auch die finanziellen Möglichkeiten der Kleinstädte außer Acht gelassen. "Im Zeitalter der Supermärkte und des Internets seien seiner Ansicht nach kleine Gewerbe- und Handelsbetriebe nicht mehr konkurrenzfähig und damit zum Untergang verurteilt. Schuhmachereien und Ofensetzer nannte er als Beispiele. "Wenn im Einwohnerverzeichnis der Stadt Zerbst von 1935 für den Markt 32 Gewerbetreibende aufgeführt werden und für die Alte Brücke 37, wenn damals in der Stadt 51 Schneidereien, 25 Sattler, 46 Schuhmacher, 23 Maler, 66 Lebensmittelgeschäfte und 57 Schankwirtschaften für rund 20 000 Einwohner gezählt werden, dann findet sich heute in einem innerstädtischen Supermarkt ein Angebot, das etwa 24 gewerblichen Angeboten von 1935 entspricht", rechnet er vor.

Keine Nachfolger

"In allen Städten verschwinde das kleinteilige Geschäftsangebot und dieser Prozess sei noch nicht abgeschlossen, denn viele ältere Inhaber finden keinen Nachfolger für ihren Betrieb, ihr Geschäft oder ihre Praxis", machte er auf eine andere Problematik aufmerksam.

Hinzu komme, dass in allen Klein- und Mittelstädten die Einwohnerzahlen kontinuierlich schrumpfen, so dass der Bedarf an Dienstleistungen sinke.

"Von einigen Ballungszentren abgesehen kann bei uns jeder Bürger aus einer Vielzahl von Wohnungsangeboten wählen und damit sind bestimmte dicht bebaute Altstadtstraßen nicht mehr attraktiv", denkt er weiter. Insofern erweise sich der groteske Beschluss der DDR-Planer, in der Zerbster Innenstadt große Wohnblöcke zu errichten, im Nachhinein als weitsichtig. "Andernfalls hätten wir eine verfallende Innenstadt und am Stadtrand Wohnsiedlungen."

Friedrich zieht Bilanz: "Der Verfall einzelner Häuser oder auch Straßenzeilen ruft nach Maßnahmen, jedoch kann kein Eigentümer zu Baumaßnahmen gezwungen werden, und so werden wir noch länger mit diesem Zustand leben müssen."

Gewählten vertrauen

Am Ende bricht er eine Lanze für die Stadtverwaltung und den Rat: "Letztlich sollten wir auf die von uns gewählten Vertreter im Stadtparlament vertrauen, dass sie mit den verfügbaren Geldern sparsam und verantwortungsbewusst umgehen, und dafür finden sich genügend Hinweise im Stadtgebiet."

Hans Ulrich Müller, Franktionsvorsitzender der Unabhängigen Wählerfraktion Zerbst, meldete sich auch zu Wort: "Nach der Wende wurde als erstes die Breite ausgebaut. Später folgte der Ausbau der Alten Brücke zur Fußgängerzone. Und danach erfolgte mit erheblichem finanziellen Aufwand die Gestaltung des Marktes." Somit habe die Stadt Zerbst - Politik und Verwaltung - im Rahmen der finanziellen Leistbarkeit eine ganze Menge erreicht. "In Anbetracht der schrumpfenden Einwohnerzahlen, geändertem Kaufverhalten und einer missratenen Gebietsreform muss konstatiert werden, dass diese Stadt auch nicht mehr Innenstadt verkraftet", formulierte er seine Sicht.

Wenn diese drei Bereiche komplett mit attraktiven Geschäften gefüllt wären, wäre schon viel gewonnen. Des Weiteren spreche gegen die Jeversche Straße auch, dass es dort keine Parkplätze gibt.

Falls auch Sie eine Meinung zum Leerstand in der Jeverschen Straße haben, schreiben Sie uns: redaktion.zerbst@volksstimme.de.