Über mutige Auswanderer, die sich im fernen Russland eine neue Heimat aufbauten, aus der sie später vertrieben wurden, erzählt eine neue Ausstellung in der Zerbster Trinitatis-Kirche. Einzelne Familienschicksale veranschaulichen eindrucksvoll die Geschichte der Wolgadeutschen.

Zerbst l Zarin Katharina II., die gebürtige Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst, ist es gewesen, die ihre einstigen Landsleute ins ferne Russland holte. In einem 1763 erschienenen Manifest versprach sie ihnen verschiedenste Privilegien, um die wirtschaftliche Entwicklung und Kultivierung ihres riesigen Reiches voranzutreiben. Wer sich dort ansiedelte, brauchte keine Steuern zahlen, konnte seine Religion ungestört ausleben und war vom Militärdienst befreit. Ein Jahrhundert später jedoch sollte sich das Leben der Auswanderer mit dem Beginn der Russifizierung wenden. Einen weiteren dramatischen Einschnitt brachte Stalin 1941, der sie aus ihrer neuen Heimat vertrieb, Familien zerriss und viele umbringen ließ...

Es ist die schicksalhafte Geschichte der Wolgadeutschen, von der die neue Ausstellung in der Trinitatis-Kirche erzählt. Fotos und Urkunden sowie niedergeschriebene Erinnerungen schildern den Weg über Generationen hinweg bis hin zu den Spätaussiedlern, als welche die einstigen Emigranten in die Bundesrepublik zurückkehrten. Einige führte es nach Wolfen-Nord, wo die Schautafeln 2011 entstanden sind. "Sie sollten sich ihre Wurzeln in Erinnerung rufen", erklärt Pfarrerin Dr. Margareta Seifert. Ziel des Projektes war es, die Historie der Wolgadeutschen vor dem Vergessen zu bewahren und ihre Identität zu stärken, die sie sich trotz all der Widrigkeiten bewahrt haben.

So trug Ida Bikkel, Bürgerarbeiterin im Wolfener Christophorushaus wichtige Eckdaten zusammen, welche die Basis der Ausstellung bildeten. Zugleich suchte sie nach Familien, welche die trockenen Fakten mit persönlichen Schilderungen, Bildern und Dokumenten eindrucksvoll ergänzten. Zum Reformationsfest 2012 fand die Präsentation des Ergebnisses statt.

"Nun sind wir das erste Mal auf Reisen", bemerkt Margarete Seifert. Katharina die Große, deren Ruf Tausende Deutsche folgten, war der Grund, dass die Ausstellung nun nach Zerbst gekommen ist - der Stadt, aus welcher die weltberühmte Zarin stammte. Bis zum 16. Juni verbleibt die berührende Dokumentation in der Trinitatis-Kirche, wo sie am Sonnabendnachmittag offiziell eröffnet wurde.

Gut 50 interessierte Besucher zählte die Vernissage, die mit einem musikalisch-schwungvollen Programm eingeläutet wurde. Die von Ida Bikkel geleitete Wolgadeutsche Gruppe aus Wolfen-Nord brachte nicht nur traditionelle wolgadeutsche Lieder zu Gehör. Sie präsentierten ebenfalls Tänze, wobei die Darbietungen pure Lebensfreude neben spürbarer Wehmut ausstrahlten.

Auch verschiedene Theaterstücke gehören inzwischen zum Repertoire der Laienkünstler. Neben den Märchen "Väterchen Frost" und "Die weißen Schwäne" gehört die "Wolgadeutsche Hochzeit" dazu. Nur zu gern würden sie dieses Stück einmal im Zerbster Schloss aufführen. Fest geplant ist bereits ihr Auftritt auf der Kirchenbühne beim Sachsen-Anhalt-Tag in Köthen, wie Pfarrerin Seifert erzählt. Ihr ist es wichtig, die Menschen über jene "Deutschen mit besonderer Geschichte", wie sie die Wolgadeutschen am liebsten bezeichnet, zu informieren.

Und das ist auch ein wesentlicher Schritt zur Integration. Denn viele Nachfahren jener mutigen Auswanderer fragen sich: "Was sind wir heute? Aussiedler, Ausländer, Russen?", formuliert es Ida Bikkel.

Die "Wolgadeutsche Ausstellung" in der Trinitatiskirche ist bis 16. Juni montags bis freitags von 10 bis 12 Uhr sowie am Wochenende von 13 bis 17 Uhr geöffnet.

 

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