Zerbst l Die Augen von Hannes Lemke leuchten, wenn er von seiner spannenden Tätigkeit erzählt. Im Auftrag der Anhaltischen Landeskirche ist der gebürtige Zerbster momentan mit der grundsätzlichen Neuordnung der Archive von St. Bartholomäi beschäftigt. "Alle Bestände fangen im Hochmittelalter an und reichen bis in die Gegenwart", schildert er die Besonderheit im Gegensatz beispielsweise zum Stadtarchiv, das beim Luftangriff im April 1945 herbe Verluste verzeichnen musste. Zu 80 Prozent wurden dessen Bestände damals zerstört.

Die größte Herausforderung für Hannes Lemke bildet das Archiv des Geistlichen Stifts, das er "völlig ungeordnet" vorfand. Beim Sichten, Sortieren und Verzeichnen der unzähligen Dokumente sucht er "noch händeringend" einen konkreten Hinweis zur Gründung des Stifts. Momentan gibt es nur eine Urkunde, die dessen Existenz belegt.

Ein weiteres Akten-Sammelsurium findet sich im Archiv der Superintendentur. Es umfasst die Quellen der seit der Reformation bestehenden Kirchenverwaltung. Nicht zu vergessen ist das Pfarr- und Gemeindearchiv von St. Bartholomäi, das in den fünfziger Jahren schon einmal grob geordnet wurde, zu dem bis jetzt aber natürlich stetig weitere Schriftstücke hinzukamen.

Um System in die Magazine zu bekommen, greift Hannes Lemke auf Reinhold Specht (1893-1960) zurück. Der frühere Stadtarchivar, der viele wissenschaftliche Abhandlungen zur Geschichte von Zerbst und der Region verfasste, hat seinerzeit eine Art Musterplan zur Archivordnung erstellt. "Der ist perfekt. Danach richte ich mich gerade", erzählt Hannes Lemke.

Neben Urkunden aus Papier und Pergament sichtet er Briefwechsel und Rechtssammlungen, Tauf- und Eheregister oder auch Pläne und Fotografien. Ergänzt werden die schriftlichen Quellen um plastische Zeugnisse wie ein Elfenbeinkruzifix oder die schwere dunkelgraue Muschelschale, über deren Verwendung er gerade rätselt. Zwischendurch stößt Hannes Lemke immer wieder auf unverhoffte Funde - einige wird er zusammen mit der Volksstimme in loser Serie vorstellen.

Manches scheint im ersten Moment weniger spektakulär, aber nicht minder interessant. Die Rechnungsbücher sind dafür ein gutes Beispiel. "Aus ihnen lässt sich nachweisen, dass ständig in und an der Kirche gebaut wurde", erklärt Hannes Lemke. Zumal sich sonst nur wenige Akten zu den Baumaßnahmen an St. Bartholomäi erhalten haben.

Außerdem hofft der junge Archivar, auf Dokumente zu stoßen, die von den Anfängen der Anhaltischen Landeskirche erzählen, die in Zerbst ihre Ursprünge hat. "Es wäre toll, wenn es da etwas gibt", bemerkt er lächelnd. So bleibt abzuwarten, welche Funde Hannes Lemke beim Durchstöbern der Regale, Kartons und Schränke noch hervorholt.